Illustration eines grauen Igels auf blauem Hintergrund

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren
und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Sie machen laute Geräusche in der Nacht, schmatzen genussvoll beim Essen, sind nur in der Dämmerung und Dunkelheit unterwegs. Fühlen sie sich bedroht, nehmen sie das Aussehen von übergrossen Edel-Kastanien an – rund und stachelig. Man nennt sie auch gerne mal «Parasiten-Taxis», weil sie oftmals von Milben über Würmer bis zu Zecken so ziemlich alles mit sich herumschleppen – unsere nächtlichen Insektenvernichter – die Igel.

Vor ca. 2 Jahren haben wir in unserem Redaktionsgarten einen Igelunterschlupf gebaut in der Hoffnung, dass sich einer der nächtlichen Besucher bei uns niederlassen würde. Und tatsächlich, als wir schon nicht mehr geglaubt haben, dass sich da jemals jemand niederlassen möchte, hat der Hund eines Redaktionsbesuchers angezeigt, dass da wohl doch jemand wohnt, und die kleinen Knopfaugen, die aus dem Loch guckten, haben das tatsächlich bestätigt. Also nichts wie los und nach einem Interview fragen.

GUTEN ABEND, MEIN KLEINER, DARF ICH MIT DIR REDEN?
Wer bist du denn und was willst du von mir? Ich wollte mich grad schlafen legen.

MEIN NAME IST GINI. ICH SCHREIBE ARTIKEL IN DER NATURZYT UND WÜRDE DICH GERNE INTERVIEWEN, WENN DU DAZU BEREIT WÄRST.
Wenn’s nicht allzu lange dauert, geht das O.K. Ich bin übrigens Maximilian Stich. Du darfst mich aber Maxi nennen.

FREUT MICH SEHR, MAXI. DANKE, DASS ICH MIT DIR REDEN DARF. DU SAGST MIR EINFACH, WENN DU GENUG HAST, O.K.?
O.K., Gini das machen wir so. Dann schiess mal los. Es stört dich doch nicht, wenn ich noch ’n Happen esse dabei? Ich brauch noch ’n bisschen mehr Reserven vorm Schlafengehen.

KEIN PROBLEM, MACH NUR. DA SIND AUCH NOCH EIN PAAR RESTE UNSERES REDAKTIONSKATERS, WENN DU MAGST. ICH WÜRDE GERNE ETWAS MEHR ÜBER DICH ERFAHREN, MAXI. DU BIST EIN BRAUNBRUST-IGEL AUS DER GATTUNG DER STACHELIGEL, NICHT WAHR?
Ja, das ist korrekt. Uns gibt es quasi überall in Europa.

JA, EURE ART IST SEHR WEIT VERBREITET. WAS FÜR LEBENSRÄUME BRAUCHT IHR DENN?
Also, ich mag deinen Garten. Du giftelst nicht herum, und es hat deshalb jede Menge Käfer, Schnecken und andere Insekten zum Futtern, und ich bekomme von nix, was ich esse, Bauchweh. Ausserdem stellst du oftmals Katzenfutter-Reste raus. Das schmeckt ab und an auch ganz lecker. Ansonsten mögen wir Igel eine reich gegliederte Feldflur mit abwechslungsreichem Bewuchs, auch Hecken, Gebüschen, Bodendeckern, Weideland, Totholzbeständen und Ruderalflächen. So finden wir genug Nahrung und haben immer gute Versteck- und Behausungsmöglichkeiten in der Nähe.

IN VERSCHIEDENEN ALTEN BERICHTEN HEISST ES, DASS IHR AUCH SCHLANGEN FRESST UND DASS IHR VORRÄTE AUF EUREN RÜCKENSTACHELN TRANSPORTIERT. STIMMT DAS?
So ein Nonsens. Wer denkt sich denn so was aus? Schlangen schlafen versteckt, wenn es dunkel wird. Wir sind aber dämmerungs- und nachtaktiv, wie sollen wir denn da Schlangen begegnen? Ausserdem können wir uns zwar bei Gefahr zu einer Kugel zusammenrollen, aber so gelenkig, dass wir uns vorrätiges Futter vom Rücken pulen können, sind wir auch nicht. Wahrscheinlicher ist, dass da was von einem Strauch gefallen ist oder beim Zusammenrollen was auf dem Boden war und sich auf unsere Stacheln gespiesst hat. Ist mir mal passiert. Ich habe mich wegen eines Hundes erschrocken und zusammengerollt. Als der Kläffer dann endlich wieder weg war und ich mich aufgerollt habe, um weiterzugehen, habe ich gemerkt, dass der Kerl mich in eine Pilzkolonie gerollt hat. Ich hatte noch eine ganze Woche lang Pilze auf meinen Stacheln. Aber das ist mir Gott sei Dank nur einmal passiert. Ansonsten mag ich gerne alle Arten Käfer, Würmer, Nacktschnecken – weil die mit Häuschen kann ich nicht knacken. Ausserdem fresse ich auch nestjunge Mäuse, Vogeleier und ab und an auch Aas, so, wie alle anderen Igel auch.

DAS KLINGT ABER SEHR LECKER … DA BIST DU JA SOZUSAGEN EIN NATÜRLICHES INSEKTENVERNICHTUNGSMITTEL. DABEI SAGT MAN EUCH AUCH NACH, DASS IHR PARASITEN-TAXIS SEID.
Wie bitte, was sagt man? Das ist ziemlich frech, finde ich. Ich möchte ja mal sehen, wie viele Zecken, Milben, Läuse, Würmer und was noch so alles ihr mit euch herumtragen würdet, wenn ihr wie wir ständig durch Sträucher, Hecken hohes Gras etc. kriechen würdet. Und wenn ihr wie wir von Würmern, Käfern und Schnecken leben würdet. Wir kommen damit gut klar, aber ihr würdet wahrscheinlich daran zugrunde gehen, früher oder später.

DA HAST DU WOHL RECHT, WENN MAN DAS AUS DIESER/DEINER WARTE BETRACHTET. ES WAR AUCH NICHT BÖSE GEMEINT, TUT MIR LEID. ES GIBT NUR KAUM EIN ANDERES SÄUGETIER, WELCHES MIT SO VIELEN VERSCHIEDENEN PARASITEN LEBT. LEBST DU EIGENTLICH ALLEINE?
Ja, wir sind Einzelgänger, und nur während der Paarungszeit von etwa Ende April bis Mitte August suchen wir die Nähe der Igelweibchen. Dazu legen wir manchmal riesige Strecken zurück. Wenn wir dann ein paarungsbereites Weibchen gefunden haben, müssen wir es dann auch noch überzeugen, dass es sich auch mit uns paart. Das kann manchmal ganz schön lange gehen. Letzten Sommer habe ich mehrere Stunden um mein Weibchen herumrennen und dabei auch noch einen Nebenbuhler vertreiben müssen, bis es endlich eingewilligt hat. Danach bin ich noch ein bisschen bei ihm in der Nähe geblieben und dann abgehauen, bevor es mich weggebissen hätte. Das machen sie nämlich sonst kurz vor der Geburt der Jungen.

Igel auf grüner Wiese
Im Gespräch mit NATURZYT Maximilian Stich – liebevoll Maxi genannt. Er ist ein eingefl eischter Einzelgänger und sehr ortstreu. Sieht sehr schlecht, riecht und hört aber dafür umso besser. Sein Jagdgebiet beträgt gut einen Quadratkilometer. Ohrwürmer und Nacktschnecken sind seine Leibspeise.

DANN HELFT IHR NICHT MIT BEI DER AUFZUCHT DER JUNGEN, SO WIE ANDERE SÄUGETIERE?
Nein. Das macht nur die Mutter, welche nach ca. 35 Tagen zwischen zwei und zehn kleine Igelchen zur Welt bringt.

ICH STELLE MIR DAS NICHT GERADE EINFACH VOR. VERLETZT SICH DIE MUTTER DENN BEI DER GEBURT NICHT AN DEN KLEINEN STACHELN?
Keine Sorge. Die Stacheln werden erst im Laufe der Zeit hart und vermehren sich. Igel werden mit etwa 100 kleinen weichen weissen Stacheln geboren, sind rosa und wiegen etwa 12 bis 25 Gramm. Das ist für die Mama kein Problem. Ein Problem wäre aber eine Störung während der Geburt, denn in so einem Fall wird sie die Jungen im besten Fall verlassen und im schlimmsten Fall sogar auff ressen. Wenn aber alles glatt geht, machen die Babys nach etwa 2 Wochen die Augen auf und nach ca. 3 Wochen bekommen sie ihre Milchzähne. Etwa 3,5 Wochen später gehen die Kleinen dann mit Mutti erstmals raus und suchen sich selbständig Nahrung. Mit etwa 9 Monaten werden sie dann geschlechtsreif. Ein ausgewachsener Igel wie ich hat dann etwa 5000 bis 7500 Stacheln, eine Grösse von 22–30 Zentimetern und wiegt zwischen 450 und 750 Gramm. Wobei wir uns Fettreserven für den Winterschlaf von bis zu 750 Gramm anfressen müssen, da wir dann ja nichts essen können.

WOW, DAS IST JA EINE VERDOPPLUNG DES GEWICHTS. SO WAS NENNT MAN DANN WOHL EINE FETTE BEUTE. WER ZÄHLT EIGENTLICH ZU EUREN SOGENANNTEN FRESSFEINDEN UND WIE ALT WERDET IHR?
Unsere schlimmsten Feinde sind die Autos. Ausserdem gehören dazu auch Uhu, Steinadler, Fuchs und Marder. Der Dachs ist aber der schlimmste, denn der kann uns mit seiner speziellen Schnauze aufrollen. Und wie du ja vorhin schon erwähnt hast, haben wir viele Parasiten und Krankheiten. Dazu gehören leider auch welche, die uns das Leben ziemlich schwer machen können. Wie Kratzwürmer, welche eine schwere Schädigung der Darmwand und auch Bachfellentzündungen verursachen können. Oder Hautpilz-Erkrankungen welche zum Ausfall unserer Stacheln führen. Das ist dann ganz übel, und je schwächer wir sind, desto übler sind dann unsere Parasiten. Wenn wir gesund und stark sind, können wir aber mit dem ganzen Parasitenbefall recht gut klarkommen. Unser Alter ist deshalb auch recht abhängig vom Allgemeinzustand. Ich bin ein gesunder starker Igel und schon 3 Jahre alt. Da du mich letzten Sommer zum Arzt geschleppt hast, als es mir nicht gut ging, und der mir etwas gegen meine Lungenwürmer und die Zecken gegeben hat, habe ich mich gut erholt. Ich hoffe also auf noch ein paar Jährchen mehr. Etwa nochmal so viele könnte ich wahrscheinlich schon schaffen. Sofern mich nicht ein Auto überfährt oder ein Fuchs erwischt.

ACH, DAS WARST DU? DA HAST DU ABER NOCH NICHT HIER GEWOHNT, ODER? ES FREUT MICH JEDOCH SEHR, DASS ICH DIR HELFEN KONNTE, UND HOFFE, DASS DU NOCH EIN PAAR JAHRE IN UNSEREM GARTEN WOHNEN BLEIBST. FALLS DU WIEDER EIN PROBLEM GESUNDHEITLICHER ART BEKOMMEN SOLLTEST, KANNST DU MIR DAS GERNE SAGEN UND ICH BRING DICH DANN WIEDER ZUM TIERARZT. 
Ich hoff e, dass das nicht nötig sein wird, aber es tut auch gut, zu wissen, dass es da jemanden gibt, der sich um einen sorgt. Auf jeden Fall werde ich gerne bei euch wohnen bleiben. Ich war damals auf der Suche nach einem Zuhause, und nachdem ich erst etwas verärgert darüber war, dass du mich einfach zum Arzt geschleppt hast, wollte ich nicht hier einziehen. Als ich aber gemerkt habe, dass mir das Zeugs von Arzt doch gutgetan hat, habe ich gedacht, dass du es wahrscheinlich nur gut gemeint hast, und bin mal probehalber hier eingezogen. So, nun bin ich aber wirklich müde und möchte endlich in den Winterschlaf gehen, wenn’s für dich O.K. ist.

NATÜRLICH. ES FREUT MICH SEHR, DASS DU BLEIBEN WILLST, UND ICH WERDE GERNE SEHEN, OB ICH DEN REDAKTIONSGARTEN FÜR DICH NOCH ETWAS OPTIMIEREN KANN. GIBT ES NOCH ETWAS, DAS DU UNSEREN LESERN VOR DEINEM 5- BIS 6-MONATIGEN WINTERSCHLAF SAGEN MÖCHTEST?
Ja, etwas gibt’s noch. Ich lebe hier ja ziemlich geschützt, da wir nirgends eine Hauptstrasse haben, die ich überqueren müsste. Aber es gibt Igel, die viele Strassen um ihr Wohngebiet haben und welche auf der Nahrungssuche dieselben überqueren müssen. Es wäre deshalb schön, wenn ihr nachts sehr aufmerksam fahren würdet und, statt uns versehentlich zu überfahren, anhalten und uns auf die andere Seite bringen würdet. Aber bitte tragt Handschuhe oder so, damit ihr euch an unseren Stacheln nicht verletzt. Ausserdem wäre es schön, wenn ihr Igel, welche zu Unzeiten, wie z.B. tagsüber, herumtorkeln, zu einem Arzt bringen würdet. Denn mit denen stimmt dann definitiv etwas nicht, und sie werden dankbar für eure Hilfe sein. Vielleicht nicht gleich, aber danach.

DAS WERDE ICH GERNE DEN LESERN SO WEITERGEBEN. ICH WÜNSCHE DIR, MAXI, NUN EINEN GERUHSAMEN WINTERSCHLAF UND FREUE MICH, DICH IM NÄCHSTEN FRÜHLING WIEDERZUSEHEN.
Ich freue mich auch darauf, dass es wieder 15 Grad ist, und wünsche dir bis dahin eine schöne Zeit. Und sollte ich zwischendurch mal aufwachen, bin ich sicher, dass da noch etwas Katzenfutter für mich bereitsteht, auf das ich zurückgreifen kann.

DAS HAT ES SICHER, DA ICH DIE RESTE JA AUCH FÜR DIE KRÄHEN RAUSSTELLE. SCHLAF GUT, MAXI, UND VIELE SCHÖNE TRÄUME.

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NATURZYT Ausgabe März 2022, Text, Foto und Illustration Virginia Knaus

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