Naturzyt 2019 3

Natur erleben: Themen zu Naturpärken und Naturregionen

Die Heideköniginnen von Sylt

Die Heidelandschaft auf Deutschlands nördlichster Insel ist nicht nur romantischer Rückzugsort für Naturliebhaber, sondern auch einer der am stärksten bedrohten Lebensräume in Deutschland. Schäferin Fenna Ufken sorgt mit ihren Schützlingen dafür, dass die Sylter Heide ordentlich Buschzeug lässt.

Eine Schafherde steht friedlich grasend in einer violett blühenden Heidelandschaft, eine Frau mit Hut und Wanderstock lässt ihre Blicke schweifen, zwei Hunde und das Wattenmeer liegen ihr dabei zu Füssen. Ein Bild wie gemalt. Skizziert an einem Spätsommernachmittag in der Braderuper Heide auf Sylt. In den Sommer- und Herbstmonaten ist die grösste Heidefläche Schleswig-Holsteins Arbeitsplatz von Schäferin Fenna Ufken, zwei Hunden und 503 Skandinavischen Küstenschafen. Deren Arbeitsplatzbeschreibung lautet: fressen, was das Zeug hält. Die Braderuper Heide ist nämlich eine Kulturlandschaft und kann nur durch regelmässige Pflege und künstliche Aushagerung der Böden überleben. «Durch das Beweiden wird die ursprüngliche Nutzung nachgeahmt und damit eine Verholzung verhindert. Reichern sich Nährstoffe im Boden an, verliert die Heide als Hungerkünstler ihre Konkurrenzkraft gegenüber anderen Pflanzen», erklärt Fenna.


«Meine Mädels» nennt sie ihre Schützlinge, die bis Oktober unter ihrem Kommando stehen bzw. grasen. Das einzige männliche Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Heide lässt sich von so viel weiblicher Dominanz aber nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Mac, der sechsjährige Border-Collie, hat die natürliche Autorität, die es braucht, um 503 Muttertiere zusammenzuhalten. Fenna lehnt sich auf ihren Fangstock und beobachtet Mac dabei, wie er zwei abtrünnige Schafe wieder zur Herde lenkt. Sie ruft ihm etwas zu, er hat sofort verstanden. Kein Wunder, mit den beiden Hunden ist Fenna sieben Tage die Woche rund um die Uhr zusammen, mit den Schafen immerhin gut zwölf Stunden täglich. Ihr gemeinsamer Tag beginnt gegen 5 Uhr morgens. «Dann fange ich an zu hüten. Das heisst, ich fange an, die Schafe zu füttern. Bis sie nicht mehr wollen. Bevor sie sich dann hinlegen, wiederkauen und abkoten, bringe ich sie in den Pferch.» Nicht in die Heide machen dürfen ist keine Sylter Etepetete- Vorschrift, sondern schlicht und ergreifend eine Notwendigkeit, um dem Heideboden nicht zu viele Nährstoffe zu geben.

Sind die Schafe dann im Pferch, hat Fenna Mittagspause. Eine Umschreibung für Zäune reparieren, Netze umsetzen, Wasserwagen auffüllen oder Klauen schneiden. Gegen 16 Uhr geht es dann bis in die Abendstunden weiter mit Hüten und Ziehen. Erst wenn die Schafe in der Nachtpferche sind, kann sich Fenna in ihren Wohnwagen zurückziehen. So wild-romantisch es sich anhört, seinen Arbeitsplatz dort zu haben, wo andere Urlaub machen, und tagein und tagaus draussen in der Natur zu sein: Der Beruf der Schäferin ist ein Knochenjob. Bei Wind und Wetter. «Mein Hut ist heute Mittag erst wieder trocken geworden», lacht Fenna und macht kein Geheimnis daraus, dass sie ihren 12-Stunden-Arbeitstag in der Heide trotz alledem nicht gegen einen Schreibtisch an der Heizung eintauschen würde.

Leitschaf Pisa holt sich regelmässig Streicheleinheiten bei Fenna ab.

Die Schafe sowieso nicht. Ihnen schmeckt die Braderuper Heide mit ihrer köstlichen, aber für die Heide schädlichen Kartoffelrose ganz ausgezeichnet. Wobei es schon wichtig ist, dass ihnen Fenna die richtige Menüfolge anbietet: «Schafe brauchen Abwechslung. Morgens eine Fläche, die schon mal gefressen wurde, also nicht so saftig ist. Zwischendurch als Leckerli ein bisschen Kartoffelrose. Nachmittags gibt es eine frische Fläche. So hält man sie bei Laune.» Und nur so werden sie animiert, ihr Bestes für die Sylter Heide zu geben. «Meine Mädels sind fleissig und geben sich richtig Mühe. Sie gehen auch an die Büsche, an Blätter und Äste, stellen sich auf die Hinterbeine und ziehen die Rinde ab.» Die sogenannten Deichschafe von nebenan könnten diesen Job hier nicht erledigen. Für sie ist die Heide zu karg, hat zu wenige Nährstoffe.

Diese Liebe geht unter die Haut: Fenna und ihre zweijährige Azubi-Hündin Bailey.

Während Mac eine Durchgangskontrolle bei vorbeiziehenden Spaziergängern vornimmt, holt sich Azubi Bailey, die zweijährige Australian-Cattle- Dog- Hündin, eine Portion Streicheleinheiten bei Fenna. Gefolgt von Flaschenlamm Pisa, das Fenna wegen ihres schiefen Halses so getauft hat. Pisa ist nicht das einzige Schaf mit Namen, aber das einzige mit Leitschafpotenzial. «Pisa ist zahm, hört und ist folgsam.» Genauso wie die beiden Hunde, mit deren Hilfe Fenna die Herde nun auf ein benachbartes Heidestück bringen will. Sie formt ihre Hände zum Trichter und ruft : «Get up, get up, kommt man Schaapi.» Wie von Geisterhand setzt sich die Herde in Bewegung. Erst langsam, dann immer schneller. Die Hunde arbeiten irgendwo im Hintergrund und führen Fennas Anweisungen aus. Fünf Minuten später ist alles beim Alten: Die Mädels stehen friedlich grasend in der Heide, Fenna lässt ihre Blicke schweifen, Mac, Bailey und das Wattenmeer liegen ihr dabei zu Füssen.

Text Jutta Vielberg Fotos Holm Löffler

Abendrot mit Aussicht. Den Mädels schmeckt's.

Sylter Heide
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Heidearten auf Sylt. Die Heide auf den langen Inselarmen Richtung List und Hörnum ist eine sogenannte Dünenheide, die natürlich entstanden ist. Weil der Sandboden dort dauerhaft nährstoffarm ist, kann diese Heide ohne Einfluss des Menschen überdauern. Im Gegensatz zur Geestheide in der Inselmitte, die aus nährstoffreicheren Moränen der vorletzten Eiszeit aufgebaut ist. Würde man nicht eingreifen, sondern sie natürlich weiterwachsen lassen, würde die Heidelandschaft gemäss ihrem Entwicklungszyklus überaltern und wieder in einen Wald übergehen.
Die Braderuper Heide ist die größte Heidefläche Schleswig-Holsteins und steht seit 1979 unter Naturschutz. Das Ökosystem bietet einer Vielzahl von Tieren und teilweise seltenen Pflanzen einen Lebensraum. Insgesamt sind es 150 Pflanzenarten, von denen mehr als 50 Prozent auf der roten Liste der bedrohten Arten stehen, wie etwa das Gefleckte Knabenkraut und der Lungenenzian. Die Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V. betreut diese vorwiegend in Privatbesitz befindliche Heidefläche. Sie möchte diesen einzigartigen Lebensraum mit seiner Artenvielfalt bewahren und bietet regelmässig naturkundliche Heidewanderungen an.
Weitere Informationen im Internet auf www.sylt.de 

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