Zwei orange blaue Vögel auf einem Ast die sich ein Fisch teilen
Mit einem leckeren Fisch bezirzt der Eisvogel seine Angebetete

Die Fähigkeit, bestimmte Dinge zu tun, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, wurde bisher nur Menschen zugeschrieben. Zwar sind Papier und Schleifchen Tieren fremd, doch Geschenke im weitesten Sinn gibt es auch in der Natur.

Ein paar Beeren, ein besonders schmackhafter Fisch oder eine fette Fliege: Die Geschenke, die sich zahlreiche Tierarten machen, mögen uns Menschen nicht sonderlich kostbar erscheinen. Im Tierreich sind sie jedoch Gold wert, denn wer in der Natur Futter teilt, gräbt seine eigenen Ressourcen ab. Weihnachten kennen Tiere nicht, deshalb gibt’s die Präsente vorzugsweise zur Hochzeit: Meist sind es Männchen, die diese wertvollen Gaben einem Weibchen zukommen lassen. Das jedoch nicht ohne Eigennutz, denn in der Regel erwarten sie dafür eine Gegenleistung – Sex.

Das Verschenken von Futter oder anderen praktischen Dingen für eine bestimmte Leistung hat sich evolutionär entwickelt und gehört bei gewissen Tierarten zum Balzverhalten. Es ist Teil der sexuellen Selektion, denn je grösser das Geschenk, umso attraktiver wirkt das Männchen auf das Weibchen. Vereinfacht gesagt: Je grösser oder kostbarer das Geschenk, umso besser eignet sich das Männchen aus Sicht des Weibchens als Vater ihres Nachwuchses.

Zwei graue Affen die sich lausen
Auch Geschenke in Form von Serviceleistungen wie Lausen erhalten die Freundschaft. Zumindest bei den Pavianen.

Kieselsteine, Fische und Freiflüge als Liebesgaben

Wenn also ein Adelie-Pinguinmännchen einem Weibchen ein Steinchen schenkt, dann ist das eine Geste von unerhörter Grosszügigkeit. Im Pinguin- Lebensraum aus Eis und Schnee sind Steine kostbar, sogar überlebenswichtig. Denn kleine Plateaus aus Kieseln dienen als Unterlage für das Ei, damit es bei Tauwetter mit anschliessendem Frost nicht im Eiswasser gefriert. Ein Steinchen gilt bei den Vögeln am Südpol also als stabile Währung. Pinguin-Weibchen geben sich dafür ihrem Partner hin. Sie treffen sich aber auch zu Schäferstündchen mit fremden Männchen, sofern diese sich ebenfalls mit einem Kiesel erkenntlich zeigen.

Ähnliche Beispiele wurden auch bei anderen Tierarten erforscht und dokumentiert. So ist etwa der Eisvogel ein Kavalier alter Schule: Nicht nur, dass er seiner Angebeteten mit stolzgeschwellter Brust einen frisch gefangenen Fisch zum Geschenk macht. Nein, beim Überreichen verbeugt er sich auch noch höflich vor ihr. Die lohnende Taktik des Schenkens wurde auch bei Schimpansen beobachtet. Männchen, die regelmässig ihre Beute mit Weibchen teilen, paaren sich deutlich häufiger als «geizige» Artgenossen. Ein schönes Geschenk haben auch Rollwespen für ihre Herzensdame: Den flügellosen Weibchen wird ein ausgiebiger Freiflug mitsamt Abendessen spendiert. Die männlichen Tiere tragen die weiblichen von Blüte zu Blüte und lassen sie dort vom Nektar naschen. Klar, dass das mächtig Eindruck macht und die Attraktivität deskleinen Romeos erhöht.

Spinne im Sonnenlicht auf einem Ei
Bevor Listspinnen-Männchen die Dame ihrer Wahl besuchen, besorgen sie ein Geschenk. Immer öfter bringen sie jedoch nur die leere Verpackung mit. (Foto: Franco Gertz, pixelio.de)

Täuschungen und billige Attrappen im Insektenreich

Doch nicht nur Ausflüge, sondern auch Beute wird bei Insekten verschenkt. Hierbei gilt: Je grösser das Geschenk, um so länger dauert die Kopulation. Denn je intensiver das Weibchen mit der fetten Beute beschäftigt ist, desto mehr Zeit hat das Männchen, seine Herzensdame in aller Ruhe zu begatten. Wie wählerisch die Weibchen sind, zeigt das Beispiel der in Australien heimischen Hängefliege. Ist das grosse, einer Schnake ähnliche Insekt auf Brautschau, hängt es sich kopfüber an die Unterseite eines Blattes, fängt mit den Hinterbeinen Fliegen und verströmt dann einen Duftstoff. Davon angelockt, hängt sich ein Weibchen dem Männchen gegenüber ans Blatt und beisst in die offerierte Gabe, was das Männchen sofort für einen Kopulationsversuch ausnützt. Ist das Geschenk allerdings zu klein oder nur ein minderwertiger Marienkäfer, dreht das Weibchen schnell seinen Unterleib weg. Je grösser aber das Geschenk, desto länger lässt sich das Weibchen Sex gefallen, und umso grösser ist schliesslich die übertragene Samenmenge.

Männchen gewisser Spinnenarten oder Gottesanbeterinnen gehen sogar noch weiter. Hier heisst es: Lieber tot als niemals Sex. Als terminales Geschenk opfern Männchen ihr Leben und lassen sich während der Paarung vom Weibchen fressen. Die Männchen gehen also trotz ihres Überlebenstriebs dem Drang zur Fortpflanzung nach. Bei anderen Arten hingegen hat sich das Schenken vollkommen verselbstständigt. So überreichen einige Listspinnen ihrer Angetrauten statt einem in Seide gewickelten Insekt lediglich noch die Geschenkverpackung ohne Inhalt. Die Listspinnendamen akzeptieren die Überraschung: Hier hat sich der Vorgang der Geschenkübergabe zum reinen Ritual verändert. Der Hang der Männchen, möglichst billig davonzukommen, also mit wenig Aufwand viel zu erreichen, ist eine Weiterentwicklung in der Selektion. Die Weibchen unterliegen hingegen dem gegenteiligen Selektionsdruck. Im Tierreich finden wir also ähnliche Geschlechterkonflikte, wie wir sie auch von Menschen kennen.

Zwei grüne Insekten im Sonnenlicht
Die Gottesanbeterin ist «gefährlich» und scheut sich nicht, ihren Bräutigam während der Kopulation zu verspeisen.

Wenn Geschenke zur Kunst werden: Ästhetische Balzrituale

Bei der Art der Geschenke beweisen gewisse Tierarten auch einen Sinn für Ästhetik. So überreichen einige Vogelarten nicht praktische Dinge wie Futter oder Nistmaterial. Australische Staffelschwänze etwa buhlen mit besonders schönen Blütenblättern um die Gunst eines Weibchens. Laubenvögel hingegen betreiben einen weitaus grösseren Aufwand, um ihre Liebste zu bezirzen. Sie sind begnadete Innendekorateure und bauen eine Prunkallee aus Zweigen. Diese wird mit allerlei Tand geschmückt: Bonbonpapiere, leere Getränkedosen oder Muscheln – je nach Art in Rot, Blau oder Grün – werden geschmackvoll arrangiert, bevor bei der Balz für das Weibchen getanzt und ihr besonders hübsche Gegenstände mit dem Schnabel überreicht werden.

Evolutionär ist der Aufwand der Laubenvögel eigentlich unsinnig, denn die Natur setzt nicht auf Ästhetik. Trotz allem ist es für den Laubenvogel-Mann lohnend, ein schönes Nestgebilde vorzuweisen, um die Liebe seines Lebens zu finden: Ein Männchen, das noch die Kraft hat, überflüssige Ornamente auszubilden, muss aus Sicht des Weibchens gute Qualität aufweisen, also «gute Gene» haben. Dabei funktionieren wir Menschen ganz ähnlich – ein grosser Brillantring etwa beeindruckt viele Frauen und zeigt ihnen, dass der Mann in der Lage ist, sie reichlich zu versorgen. Denn auch unser Schenkverhalten ist nicht wertefrei: Erhalten wir ein billiges Präsent, freuen wir uns nicht sonderlich darüber. Ein Geschenk muss zum Ausdruck bringen, was uns das Gegenüber wert ist.

Eine graue Maus sprint von Ast zu Ast
Selbstloses Verhalten gibt es nicht im Tierreich. Die Wanderratte jedoch beweist das Gegenteil.

Kooperation und Altruismus: Teilen ohne Gegenleistung?

Dem Menschen vorbehalten schien bis anhin jedoch das altruistische Verhalten, also jemandem seine Hilfe anzubieten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Zwar kennt man bei gewissen Säugetieren «Geschenke» in Form von Diensten wie Nahrung zu teilen oder sich gegenseitig zu lausen. Bei Pavianen etwa wurde beobachtet, dass diese Serviceleistung den Zusammenhalt untereinander stärkt. Wird ein Pavian von einem Artgenossen gelaust, hilft er ihm im Gegenzug bei Streitigkeiten in der Gruppe. Dass Tiere jedoch auch mit Nichtverwandten selbstlos und ohne Aussicht auf Erfolg in irgendeiner Form etwas teilen, macht aus Sicht der Evolution keinen Sinn. Altruismus hat in der ewigen Konkurrenz um Überleben und Fortpflanzung keinen Platz. Die Selbstlosigkeit ist ein rein menschliches Ideal, denn in der Evolution würden diejenigen, die nur geben und nichts nehmen, weniger Nachkommen hinterlassen und schliesslich aussterben. Trotzdem konnte bei Versuchen mit Wanderratten aufgezeigt werden, dass soziale Erfahrung kooperatives Verhalten auch bei Tieren beeinflusst.

Ein Pinguin mit einem Stein im Schnabel
Adelie-Pinguine schenken sich gegenseitig Steine: Eine stabile Währung für diese Tierart, da sie sie für den «Nestbau» benötigen.

Weibliche Wanderraten, die von verschiedenen Sozialpartnern Hilfe bekamen, waren anschliessend hilfsbereiter gegenüber neuen, unbekannten Partnern als Ratten, denen zuvor nicht geholfen wurde. «Wie du mir, so ich ihr» ist ein Prinzip, das genügt, um Kooperation in einer Gruppe zu etablieren – und das sich schliesslich für alle auszahlt. Das Erstaunliche an diesem Verhalten ist, dass die Tiere Kosten auf sich nehmen, ohne die Gewissheit, wann und ob überhaupt sie etwas zurückerhalten. Ein schöner Gedanke zur Weihnachtszeit.

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NATURZYT Ausgabe Dezember 2024, Text Helen Weiss, Foto Envato

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