Brauner Steinbock auf Felsen im Sonnenlicht mit grossen Hörner

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?

Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.

Sie sind waghalsige Kletterer und mit ihren Sprüngen würden sie jeden Olympioniken in den Schatten stellen. Sein Name bedeutet auch gehörnte Ziege und der griechische Gott Pan hat sich seiner Gestalt des Öfteren bedient. Mut, Ausdauer, Geschicklichkeit und soziale Kompetenz zeichnen ihn aus. Die Schweizer haben ihn Italiens König einst gestohlen, um ihn in einem Schutzgebiet wieder anzusiedeln. Sie sind Werbestars und das Sinnbild der Berge. Die Rede ist von unseren wundervollen Alpen-Steinböcken.

Bei einem unserer Ausflüge, welcher uns wieder einmal auf den wunderschönen Creux du Van führte, durften wir eine Herde Steinböcke hautnah erleben. Solchen Tieren in der freien Wildbahn begegnen zu dürfen ist herzergreifend. Wir sassen bestimmt eine gute halbe Stunde dort oben, nur einen guten Steinwurf entfernt von der geniesserisch in der Sonne dösenden Herde der Steinböcke. Es war einfach magisch, und mir kam der Gedanke, dass dies ein Zeichen sei, mit diesen wundervollen und edlen Tieren ein Gespräch zu führen. Der grosse Steinbock ganz vorne, welcher zwar entspannt lag, jedoch alles im Blick hatte, schien mir der Richtige zu sein.

GUTEN TAG, HERR STEINBOCK, ICH BIN GINI VON NATURZYT UND WÜRDE GERNE EIN INTERVIEW MIT DIR MACHEN. WÄRE DAS FÜR DICH IN ORDNUNG?
Bonjour Gini, es ist mir eine Freude. Isch werde dir gerne eine Interview geben. Isch bin Cornelius, Cornelius Bouquetin des Alpes.

BONJOUR CORNELIUS, FREUT MICH SEHR, DEINE BEKANNTSCHAFT ZU MACHEN. DANKE, DASS DU DIR ZEIT FÜR EIN GESPRÄCH MIT MIR NIMMST. WIE FÜHLST DU DICH HEUTE?
Pas de qua, Gini, es ist mir eine Freude. Isch geniesse die Sonnenstrahlen hier auf die Felsen, die Luft ist frisch und klar. Der Sommer ist unsere liebste Zeit hier oben. Isch fühle misch voller Energie und neugierig auf alles.

DAS KLINGT SEHR SCHÖN, CORNELIUS. WÜRDEST DU MIR ETWAS MEHR ÜBER DEIN LEBEN HIER OBEN ERZÄHLEN? WAS BEDEUTET ES FÜR DICH, EIN ALPENSTEINBOCK ZU SEIN?
Oh alors, d’être un Bouquetin des Alpes bedeutet Liberté und Herausforderung zugleisch. Unsere Hörner, welsche du sischerlisch schon bemerkt hast, sind nischt nur unser Stolz. Non,sie sind ausch unser Werkzeug, unser Schild et unsere Balance auf den steilen Felsen. Hier oben in den Bergen leben wir sozusagen auf Messers Schneide. Jeder Schritt, jede Entscheidung muss gut bedacht sein. C’est was unser Leben hier so aufregend macht. Unsere Welt ist oft still. Nur das Rauschen des Windes und das Kratzen unserer Hufe auf dem Fels begleiten uns. Isch liebe es, alles von hier ober zu überblicken.

DAS KLINGT WUNDERSCHÖN, ABER AUCH SEHR GEFÄHRLICH. MIT WELCHEN BESONDEREN HERAUS FORDERUNGEN SEID IHR TÄGLICH KONFRONTIERT?
Oui, das ist so. Les Alpes sind wunderbar, aber sie fordern uns auch körperlisch und geistig sehr heraus. Das Wetter kann sisch in minutes ändern. Die schroff en Felshänge sind kein Ort, an dem man gerne vom Regen überrascht werden will. Et la nourriture, die Nahrung, ist nischt immer leischt zu finden. Im Sommer geniessen wir Gräser und Kräuter, aber im Winter es ist eine Kunst, das Nötigste zu finden. Dann steigen wir weiter hinab, wo es weniger Schnee gibt, et la végétation ist zugänglicher. Dort allerdings ist die grösste Herausforderung der Mensch. Der Lärm, Wanderer, Autos, alles Dinge, welsche unser Überleben beeinflussen.

DAS KANN ICH GUT VERSTEHEN. WAS BEDEUTET DIE NATUR FÜR DICH UND DEINE HERDE?
Pour nous, die Nature ist nischt einfach nur ein Lebensraum. Sie ist unsere Heimat, unsere Lehrerin et unsere famille. Alles ist miteinander verbunden. Jede Pflanze, jeder Stein et jeder Wasserlauf ist Teil des Ganzen. L’eau, welsches die Felsen hinabrinnt, nährt die plantes, welsche wir essen, und der Stein bietet uns Schutz und Stabilität. Die Jahreszeiten leiten uns an, sie bestimmen unser Verhalten et le tempo unseres Lebens. Wenn la nature sisch entscheidet, dass der Winter kommt, müssen wir das respecter und uns darauf vorbereiten. Pour nous der Schutz und das Gleichgewicht der nature sind sehr wischtig. Wenn das Ökosystem gestört ist, merken wir das sehr schnell. 

JA, DER EINFLUSS VON UNS MENSCHEN AUF UNSEREN PLANETEN IST NICHT WEGZUDISKUTIEREN. WIR VERSUCHEN UNSER BESTES, UM DAS ZU FLICKEN, WAS WIR ZERSTÖRT HABEN, ABER ES IST SCHWIERIG. WAS DENKST DU DARÜBER?
Oui, malheureusement, der Mensch greift oft ein, ohne sisch der Folgen bewusst zu sein. Die warmen Winter, die frühen Frühjahre et die heissen Sommer, das sind Dinge die wir depuis des générations nischt kannten. Das beeinflusst nischt nur uns Steinböcke. Non, das beeinflusst alle Tiere hier. Plantes beginnen zu blühen, bevor der erste Schnee ganz geschmolzen ist, et viele Tiere haben Mühe, genügend Nahrung zu finden. Diese Welt ist ein empfindlisches Gefüge. Wir Steinböck sind sehr anpassungsfähig, aber ausch wir haben unsere Grenzen.

DAS SIND SEHR WEISE WORTE, CORNELIUS. ICH STELLE MIR VOR, DASS DEIN VATER EINE ÄHNLICHE WEISHEIT BESASS. GIBT ES UNTER EUCH STEINBÖCKEN AUCH TRADITIONEN UND RITUALE WIE BEI UNS MENSCHEN?
Naturellement, wir sind ein ebenso traditionsbewusstes Volk. Wir leben in Herden und jede Herde hat ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Regeln. Für uns ein besonders bedeutender Moment ist die Paarungszeit. Die ist im Dezember und Januar normalement. Oh la la. Wenn wir Böcke uns in wahren Kraft proben messen. Das ist eine Zeit, in der unsere Energie besonders hoch ist. Les petits, die Jungtiere, schauen uns dann zu und lernen von uns, wie sie in einer späteren Zeit um eine Partnerin werben können. Allerdings können Jungtiere diese Kämpfe erst in einem Alter von etwa 6 Jahren bestehen. Aussi im Alltag wir haben bestimmte Rituale. Isch zum Beispiel liebe es, morgens auf meinem Lieblingsfels zu stehen et de saluer le matin. Den Morgen zu begrüssen. Et le soir, am Abend, wenn die Sonne versinkt, wir versammeln uns oft , wie jetzt, um nosch die letzten Sonnenstrahlen gemeinsam zu geniessen.

DAS IST SEHR SCHÖN. DU SAGTEST, DASS DIE JUNGTIERE LERNEN, INDEM SIE EUCH BEOBACHTEN. WELCHE ROLLE SPIELST DU IN DEINER HERDE?
Isch bin schon etwas älter, wie man an meinen imposanten Hörnern ablesen kann. Fast 16 Sommer, um genau zu sein. Die Kitze und Jungtiere sehen zu mir auf. Isch habe deshalb eine gewisse Rolle als Anführer. Isch versusche sie zu leiten und zu schützen. In unserer gefährlischen Umgebung, es ist wischtig zu wissen, wie man sisch bewegt und wo man ist sischer. Alors, wenn isch mit den Jungtieren klettere, isch zeige ihnen, worauf sie aschten müssen, und zeige ihnen die sicheren Wege, die isch schon seit Jahren kenne. Isch zeige ihnen auch, wie man die Hörner benutzt, um die Balance zu halten. Es erfüllt misch mit Stolz zu sehen, wie die Kitze, welsche erst im Mai und Juni zur Welt kamen, diese ersten Schritte auf einem schmalen Grat machen et dabei all das lernen. Es ist so, als würde isch ihnen ein Stück meiner Weisheit auf ihren Lebensweg mitgeben.

DAS IST EINE GROSSE VERANTWORTUNG. IST DAS FÜR DICH NICHT MANCHMAL EINE BELASTUNG? 
Des fois, manschmal ja, mais es ist ausch eine grosse Ehre. Jeder in der Herde weiss, zusammen sind wir stärker, als jeder Einzelne es sein könnte. Wenn isch sehe, dass meine Erfahrung den Jungen hilft , sischerer zu werden, es erfüllt mich mit Stolz. Mais, il y a des moments, da spüre isch diese Last. Dans des moments, wenn ein Sturm aufzieht oder wir uns auf unbekanntes Gebiet begeben. C’est a moi, dann es liegt an mir, die Ruhe zu bewahren und eine Weg zu finden. Et wenn es wird besonders gefährlisch, isch gehe zuletzt und stelle sischer, dass keiner zurückbleibt.

DU BIST WIRKLICH EIN SEHR WEISER ANFÜHRER, FINDE ICH, CORNELIUS. GIBT ES ETWAS, WAS DU UNS MENSCHEN VIELLEICHT NOCH MITTEILEN MÖCHTEST?
Merci Gini, deine Worte schmeicheln mir. Ja, isch würde gerne den Menschen noch etwas sagen. Les Alpes, die Berge sind mehr als nur ein Ort, um zu Wandern oder Ski zu fahren. Pour nous, es ist unser Zuhause. Wenn ihr hier seid, bitte benehmt euch wie ein Gast. Respectez die Natur, die Ruhe und die Tiere, die hier leben. Oft die Wanderer lassen Abfall zurück oder verlassen die Wege. Das gefährdet unsere Nahrung und unseren Lebensraum. Wenn jeder ein petit peu mehr auf die Natur achtet, dann können wir alle diese wundervolle Landschaft miteinander geniessen.

VIELEN DANK FÜR DIESES WUNDERVOLLE GESPRÄCH. ES HAT MICH ZUTIEFST BERÜHRT, UND ICH HOFFE UND WÜNSCHE MIR, DASS WIR UNS WIEDER EINMAL SEHEN UND SPRECHEN KÖNNEN. IHR ALLE SEID SO VIEL MEHR, ALS WIR MENSCHEN EUCH ZUGESTEHEN.
Es war mir eine ebenso grosse Freude, mit dir zu sprechen. Merci de nous donner une voix. Je te remercie, dass du uns eine Stimme gibst. Vielleischt wir sehen uns eines Tages hier wieder. Bis dahin pass gut auf disch auf. Springe hosch und lebe gut.

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NATURZYT Ausgabe Dezember 2024, Text, Foto Virginia Knaus 

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