Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?
Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege auszuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.
Sie sind Meister der Lüfte. Sein Name bedeutet Kämpfer und Krieger. Er steht ausserdem für Klarheit, Weitsicht und spirituelle Führung. Selbst in der Bibel findet man ihn unter dem Namen «da’ah» was so viel wie «Der mit Macht und Anmut fliegt» heisst. Es ist wunderschön und faszinierend, sie zu beobachten, während sie über den Himmel gleiten mit einer einzigartigen Leichtigkeit. Mit ihren scharfen Augen sehen sie selbst aus unglaublichen Distanzen den kleinsten Regenwurm. Wer würde nicht gerne einmal mit ihnen fliegen – unseren wundervollen Rotmilanen.
Da unser Redaktionsgebäude an die Landwirtschaftszone grenzt, sehen wir oft, wie Milane über den benachbarten Feldern kreisen und zuweilen im nahen Birnbaum thronen. Gerne würde ich einen der majestätischen Vögel mal interviewen. Als der Verleger von Naturzyt das erfahren hat, hat er mir kurzerhand eine Greifvogel-Patenschaft von der Greifvogelstation Berg am Irchel geschenkt. Da durfte ich dann einen Rotmilan nach dessen Genesung wieder in die Freiheit entlassen. Eine bessere Gelegenheit konnte ich mir kaum vorstellen. Leider wollte er absolut nichts von einem Interview wissen, er hatte gerade nur seine Freiheit im Kopf. Verständlich, trotzdem war es eine wundervolle Erfahrung welche ich jedem nur empfehlen kann. Dann hiess es halt weiter abwarten und auf eine andere Gelegenheit hoffen. Die kam dann auch schneller als erwartet in Form eines sehr auskunftsfreudigen Milans, welcher vis à vis auf dem alten Birnbaum seine Pause machte.
HALLO, DU SCHÖNER, WIE HEISST DU DENN?
Mein Name ist Milosh, und wer bist du?
ICH BIN GINI UND SCHREIBE INTERVIEWS FÜR EIN TOLLES NATURMAGAZIN. DARF ICH DICH VIELLEICHT UM EIN KURZES GESPRÄCH BITTEN? EINES, IN DEM DU DICH UND DEINE ART VIELLEICHT ETWAS VORSTELLEN WÜRDEST?
Natürlich darfst du das! Ich bin ein Rotmilan, ein Greifvogel, der vor allem in Europa vorkommt. Man findet mich in Wäldern, offenen Landschaften und in der Nähe von Gewässern. Ich bin bekannt für mein auffälliges rotes Gefieder und meinen langen, gegabelten Schwanz, der mir hilft, in der Luft zu manövrieren. Ich bin ein Meister der Thermik und kann stundenlang in der Luft gleiten, ohne viel Energie zu verbrauchen.
DAS KLINGT BEEINDRUCKEND! WAS SIND DENN DEINE HAUPTNAHRUNGSQUELLEN? UND FRISST DU AUCH HÜHNER, KATZEN ODER KLEINE HUNDE?
Keinesfalls, ich bin zwar ein Allesfresser, was bedeutet, dass ich eine Vielzahl von Nahrungsmitteln zu mir nehme, aber meine Hauptnahrung besteht aus kleinen Säugetieren, Vögeln, Insekten und Aas. Tiere wie Katzen, Hunde und Hühner stehen nicht auf meinem Speiseplan. Ich bin ein geschickter Jäger und kann meine Beute aus grosser Höhe erspähen. Oft beobachte ich die Landschaft von oben und nutze meine scharfen Augen, um die besten Futterquellen zu finden. Manchmal sehe ich auch, wie andere Tiere jagen, und nutze die Gelegenheit, um selbst zuzuschlagen. Ausserdem gibt es Menschen, welche uns Füttern. Das finde ich persönlich zwar toll, aber es ist verboten, denn wenn wir die Scheu vor euch verlieren, ist das nicht gut. Stell dir mal vor, ich schiesse vom Himmel herab, klaue mir die Wurst die du gerade für dich auf den Grill gelegt hast, und hebe mit meiner Flügelspannweite von gut 160 Zentimetern wieder ab. Da würdest du dich ganz schön erschrecken, auch wenn das kein Angriff gegen dich war. Ausserdem stört das auch den natürlichen Kreislauf.
Im Gespräch mit NATURZYT
Milosh Milan ist ein wahrer Akrobat der Lüfte. Er ist Vater von 3 gesunden Küken und liebt seine Partnerin Mia immer noch. Zumeist zieht er im Herbst gegen Spanien, manchmal bleibt er aber auch da, wenn’s warm genug ist. Mäuse mag er am liebsten, er isst aber gelegentlich auch Regenwürmer, wenn’s nichts anderes gibt.
DA HAST DU TATSÄCHLICH RECHT! LEBST DU HIER IN DER NÄHE? WIE SIEHT DENN DEIN LEBENSRAUM AUS UND WO FÜHLT SICH DEINE ART GENERELL AM WOHLSTEN?
Ja, ich lebe hier ganz in der Nähe. Da wir sehr standorttreu sind, komme ich immer wieder ins selbe Gebiet zurück. Generell bevorzugen wir offene Landschaften mit Bäumen in der Nähe, die uns als Nistplätze dienen. Wälder, Wiesen und landwirtschaftlich genutzte Flächen sind ideal für uns. In der Brutzeit bauen wir unsere Nester in hohen Bäumen oder auf Felsen, wo wir die Eier sicher ausbrüten können. Diese benutzen wir dann auch jedes Jahr aufs Neue und verbessern es jeweils, wenn nötig. Ich bin auch ein Zugvogel und verbringe den Winter oft in wärmeren Regionen, wie zum Beispiel in Spanien oder Nordafrika. Es ist eine lange Reise, aber die warmen Temperaturen und die reichhaltige Nahrung sind es wert! Da die Winter hier in der Schweiz aber immer wärmer werden, bleiben die meisten von uns hier. Das gibt dann manchmal Probleme. Man findet uns dann entkräftet auf dem Boden, weil wir zu wenig Futter finden.
DAS IST FASZINIEREND! KANNST DU UNS ETWAS ÜBER EURE FORTPFLANZUNG ERZÄHLEN? SEID IHR AUCH SO TREU WIE STÖRCHE ODER SCHWÄNE?
Gerne! Die Fortpflanzung beginnt im Frühling, wenn ich und meine Partnerin ein Nest bauen. Beziehungsweise wenn wir unser bisherisges Nest erneuern und ausbauen. Wir verwenden Zweige, Gras und andere Materialien, um ein sicheres Zuhause für unsere Eier zu schaffen. Leider benutzen manche auch Fäden oder Plastikabfall, was nicht gut ist, da sich schon Küken stranguliert haben mit den Fäden und andere ganz ausgekühlt waren weil der Plastik im Nest keine Belüftung zuliess. Das ist immer sehr traurig. In der Regel legt Mia, so heisst meine Partnerin, zwei bis vier Eier, die sie etwa 30 bis 35 Tage lang bebrütet. Nach dem Schlüpfen kümmern wir uns gemeinsam um die Küken, die nach einigen Wochen flügge werden. Während Mia sich hauptsächlich um unsere Küken kümmert, bin ich eher dafür zuständig, dass alle satt werden. Es ist eine aufregende Zeit, und ich bin stolz darauf, meine Küken zu beobachten, während sie die ersten Schritte in die Freiheit machen. Betreffend unsere Treue ist das ganz ähnlich wie bei den Menschen. Die einen sind ein paar Jahre lang treu, andere nur für eine Brutsaison, wieder andere sind nicht mal während 1 Brutsaison treu. Ich für meinen Teil habe Mia schon seit 3 Jahren als Gefährtin gewählt. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert und sie mich ebenfalls noch will, werde ich auch die nächste Saison mit ihr zusammen unsere Küken grossziehen.
DAS IST SCHÖN. WIE IST DENN DAS SOZIALVERHALTEN SONST SO UNTER ROTMILANEN? LEBT IHR EHER EINZELGÄNGERISCH ODER IN GRUPPEN?
Ich bin ein eher geselliger Vogel. Ausserhalb der Brutzeit treffe ich oft andere Rotmilane. Manchmal bilden wir kleine Gruppen, besonders wenn wir nach Nahrung suchen. Viele Augen sehen mehr als zwei. Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir uns gegenseitig beim Jagen beobachten und voneinander lernen. Es gibt eine Art von Gemeinschaft unter uns, die es uns ermöglicht, effizienter zu jagen und unsere Überlebenschancen zu erhöhen. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir auch grössere Beutetiere erlegen oder uns gegenseitig vor Gefahren warnen.
KLINGT NACH EINER SEHR INTERESSANTEN DYNAMIK! WELCHE NATÜRLICHEN FEINDE HABT IHR, UND WIE SCHÜTZT IHR EUCH VOR IHNEN.
Als Greifvogel haben wir nicht viele natürliche Feinde, aber es gibt einige, die uns gefährlich werden können. Zu unseren grössten Bedrohungen zählen grössere Greifvögel wie der Steinadler oder der Habicht, die manchmal versuchen, uns anzugreifen, besonders wenn einer von uns schwach oder verletzt ist. Um uns zu schützen, verlassen wir uns auf unsere Flugkünste. Wir können sehr schnell und wendig fliegen, was uns hilft, Angriffen zu entkommen. Ausserdem bauen wir unsere Nester in hohen Bäumen, wo sie für viele Räuber schwerer zugänglich sind.
DAS IST KLUG! WIE SIEHT ES MIT DEN HERAUSFORDERUNGEN AUS, DIE DURCH DEN MENSCHEN VERURSACHT WERDEN?
Leider gibt es viele Herausforderungen, die durch menschliche Aktivitäten entstehen. Lebensraumverlust ist eine der grössten Bedrohungen für uns Rotmilane. Wenn Wälder gerodet oder landwirtschaftliche Flächen intensiv bewirtschaftet werden, verlieren wir unsere Nistplätze und Nahrungsquellen. Auch der Einsatz von Pestiziden schadet uns, da sie unsere Beutetiere vergiften und somit unsere Nahrungsaufnahme beeinträchtigen. Zudem sind wir manchmal Opfer von illegaler Jagd oder werden durch Kollisionen mit Windkraftanlagen oder Fahrzeugen verletzt oder gar getötet. Es ist frustrierend, denn wir spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem, indem wir die Populationen von Nagetieren und anderen Tieren regulieren.
DAS KLINGT WIRKLICH BESORGNISERREGEND. WAS KÖNNEN WIR MENSCHEN TUN, UM EUCH UND ANDEREN GREIFVÖGELN ZU HELFEN?
Ich glaube, dass die Menschen verstehen, wie wertvoll wir für das Ökosystem sind, stehen wir doch in verschiedenen Ländern unter Artenschutz. Aber jeder Einzelne kann auf seine Weise helfen. Setzt euch für den Schutz unserer Lebensräume ein. Für eine nachhaltige Landwirtschaft und den Erhalt von Wäldern. Verzichtet auf den Einsatz von Pestiziden und wählt Alternativen. Beteiligt euch an Naturschutzprojekten durch ehrenamtliche Tätigkeiten. Sammelt Abfall in der Natur ein. Geht respektvoll mit der Natur um und versucht die Wildtiere nicht zu stören, vor allem während der Brutzeiten. Es gibt so viele Möglichkeiten um zu helfen.
DAS SIND GROSSARTIGE RATSCHLÄGE! ICH WERDE DAVON SICHERLICH AUCH EINIGE BEHERZIGEN. WAS SIND DEINE PERSÖNLICHEN LIEBLINGSMOMENTE IN DER NATUR?
Oh, davon gibt es so viele! Einer meiner Lieblingsmomente ist der Augenblick, wenn ich in den frühen Morgenstunden erwache und die ersten Sonnenstrahlen über die Landschaft scheinen. Es ist eine magische Zeit, in der die Welt still ist und ich die Freiheit habe, abzuheben, um über die Wiesen und Wälder zu gleiten. Ein weiterer schöner Moment ist, wenn ich meine Küken zum ersten Mal fliegen sehe. Es ist ein unglaubliches Gefühl, sie dabei zu beobachten, wie sie ihre Flügel ausbreiten und die ersten Versuche unternehmen, in die Luft zu steigen. Es ist ein Zeichen, dass sie bereit sind, die Welt zu erkunden und selbstständig zu werden. Diese Momente der Freude und des Stolzes sind für mich unvergesslich.
DAS KLINGT SEHR BERÜHREND! ZUM ABSCHLUSS, WAS WÜRDEST DU DEN MENSCHEN GERNE MIT AUF DEN WEG GEBEN?
Ich habe eigentlich bereits alles gesagt, was ich wollte. Jeder von uns spielt eine Rolle im grossen Gefüge des Lebens, und es ist wichtig, dass wir uns um unsere Umwelt kümmern. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir eine bessere Zukunft für alle Lebewesen schaffen.
AUCH WENN DU VIELES AUS WEITER FERNE BETRACHTEST, HAST DU DOCH EINEN UNGLAUBLICHEN SCHARFBLICK FÜR DIE WICHTIGEN DINGE IM LEBEN. DANKE MILOSH, DASS DU DEINE PAUSE GENUTZT HAST, UM DICH MIT MIR ZU UNTERHALTEN. ES WAR MIR EINE FREUDE, VON DIR ZU LERNEN UND EINIGES AUS DEINER PERSPEKTIVE ZU SEHEN. ICH WÜNSCHE DIR IMMER GUTEN WIND UNTER DEINEN FLÜGELN, MÖGEN SIE DICH NOCH LANGE UND WEIT TRAGEN.
Ich danke dir Gini! Es war mir eine Freude, mit dir zu sprechen. Wir werden uns bestimmt wieder sehen und bis dahin wünsche ich dir alles Gute!
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NATURZYT Magazin, Ausgabe Juni 2025, Text/Fotos Virginia Knaus

