Blick durch verschneite Landschaft auf den in Nebel liegenden Thunersee

«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», schrieb Liedermacher Reinhard Mey. Dasselbe Freiheitsgefühl kommt auf, stapft man mit Schneeschuhen von Aeschiried zur Brunnihütte – je nach Glück mit Thunersee- oder Nebelblick.

Schaffen wir es oder schaffen wir es nicht? In Spiez, dem hübschen Dorf am Thunersee, ist noch alles grau. In Hondrich, zehn Minuten Postautofahrt später, dasselbe Bild. Einzig der graue Deckel ist näher gerückt. Aeschi Post. Jetztstecken wir mitten in der Suppe, lange Gesichter allenthalben.

Linde im Schnee bei Aeschiried
Was die Linde wohl erzählen möchte? Start zur Tour in Aeschiried.

Und dann geht's schnell: Wie aus der Versenkung taucht der Niesen auf, der bekannte Berner Oberländer Berg in Dreiecksform, und ein Dorf entspringt der Nebeldecke. Es heisst Aeschiried und bildet den obersten Teil von Aeschi, das hinter uns im Grau stecken geblieben ist. Die Sonne ist daran, Bergspitze um Bergspitze wach zu küssen. Im Talboden weicht das fahle Licht der Dämmerung der Helle des Tages. Aeschiried Schulhaus. Endstation. Wie wir aus dem Postauto steigen, knirscht unter den Füssen der Schnee. Bäume und Stromleitungen sind von der Kälte der klaren Nacht dick in Raureif gepackt. Was für ein Start zu unserer Schneeschuhtour zur Brunnihütte. Wenn der Nebel, wie so oft im Winter, im Flachland bleibt, dann ist einem in den Bergen ein Traumtag gewiss.

verschneite Brunnihütte bei schönstem Sonnenschein
Brunnihütte - das Ziel vor Augen, die Sonne im Gesicht

Traumhafter Blick auf den Thuner- und Brienzersee

Das Wintersportangebot in Aeschi ist klein und überschaubar, man setzt auf Familienfreundlichkeit und sanften Tourismus. Zwei markierte Schneeschuhtrails gehören dazu: ein einfacher in Dorfnähe und ein anspruchsvoller zur Brunnihütte, wobei dieser primär die Kondition fordert. 700 Höhenmeter Aufstieg liegen vor uns, mal sind die Ansteige steiler, dann wieder moderater. Zudem verspricht die Website von Aeschi Tourismus einen traumhaften Blick vom Grat auf den Thuner- und Brienzersee, das Kander- und das Suldtal. Von der Nebelschlange steht nichts.

Die Markierungsstangen erleichtern den Einstieg ungemein. Aeschiried ist eine Streusiedlung, die Häuser und Höfe liegen gut verteilt auf der Sonnenterrasse. Mitten in diesem Wirrwarr erwartet uns wenige Meter nach dem Start die erste Attraktion: eine prächtige Linde, von der Morgensonne in zartes Licht getaucht. Ob sie eine Bedeutung hat? Früher markierten Linden oft das Zentrum eines Dorfs. Unter ihnen traf man sich, hielt Gericht und lud im Mai zum Tanz. «Unsere» Linde gibt ihre Geschichte nicht preis. Dafür weiss der grosse Berg gegenüber, der Niesen, einiges zu erzählen.

Blickt man von der ersten Anhöhe über Aeschi, könnte man meinen, der Niesen gehöre zum Dorf. Fehlanzeige, den 2362 Meter hohen Gipfel teilen sich Wimmis und Reichenbach im Kandertal. Aeschi hat dennoch Anteil, das Gemeindegebiet zieht die Ostflanke hoch bis fast zur Station Schwandegg der Niesenbahn. Deren Gleis entlang führt die längste Treppe der Welt: 11 674 Stufen sind es, solche aus Gitterrost und solche aus Naturstein. Am jährlichen Niesenlauf messen sich Wettkämpfer im Treppensteigen. Der Rekord für die 1700 Höhenmeter liegt bei 52 Minuten.

Panorama-Aussicht im Winter zum Nielsen
Schon bald hat man den Niesen im Blick, den markanten Pyramidenberg.

Beste Aussicht auf das Kandertal und das Suldtal

Eine knappe Stunde sind mittlerweile auch wir unterwegs, die Sonne zaubert Schweisstropfen auf die Stirn. Gut, wartet vor dem Eintritt des Trails in den Bawald eine Alphütte mit Sitzbank und bester Aussicht auf das Kandertal und das Suldtal. Letzteres wird uns noch eine Weile begleiten, der Grat zur Brunnihütte begrenzt es gegen Norden. Im Sommer ist das unter Naturschutz stehende Suldtal Ziel von Wanderern und Ausflüglern. Sie pilgern zum 81 Meter hohen Pochtenfall, der zuhinterst über die Felsen donnert. Im Winter kehrt Ruhe ein, dann drehen nur die Langläufer ihre Runden. Ein Kranz stattlicher Berge umschliesst das Tal. Einer davon ist das 2248 Meter hohe Morgenberghorn, und dorthin wollen wir, zumindest an seinen Fuss.

Kandertal im tiefen Winter
Weit geht der Blick bis ins Kandertal.

Noch gute eine halbe Stunde zur Brunnihütte

Nach der Alp Bireberg erklimmt der Trail den Grat, die Szenerie wechselt augenblicklich. Von der lieblichen Landschaft um Aeschiried ist wenig geblieben, wild und stellenweise ruppig zeigt sich der schmale Rücken. Auf der Greberegg haben wir etwas Platz und das Tagesziel vor Augen; eine gute halbe Stunde noch, dann ist die Brunnihütte geschafft . Wer denkt, die Mühen nähmen nun auch ab, irrt. Der Grat macht einen fiesen Bückling, wir verlieren an Höhe und keuchen wenig später wieder bergan. Links gibt der struppige Wald den Blick frei in die Tiefe; theoretisch auf den Thuner- und Brienzersee, heute jedoch auf die Nebelschlange, die sich ganz schön breitmacht. Den einzigen «Gipfel» des Tages erklimmen wir vor der Hütte: Punkt 1660 auf der Karte, eine namenlose Kuppe. Der Aussicht ist das wenig abträglich, wir haben fast die ganze Tour im Blick.

Brunnihütte, endlich, nach drei Stunden Aufstieg. Wie freuen wir uns über die vielen Bänkli an der Sonne. Der Rückweg fordert nämlich nochmals Kraft , der Bückling des Grats geht jetzt richtig in die Beine. Dann aber ist gut, und mit traumhaft er Fernsicht steigen wir talwärts. Wo der Trail den Grat verlässt, bleiben wir oben – zu schön sind die Sicht ins Kandertal und auf den Niesen. Zudem wartet bei der Bergstation des Skilifts links der Piste ein rassiger Tiefschneehang. Ihn hinunterzufliegen ist das pure Gaudi. Andere finden das auch, er ist mit Spuren übersät. Ehe wir uns versehen, sind wir zurück auf dem Trail und zotteln Aeschiried entgegen. Die Nebelschlange hat sich seit dem Start am Morgen nicht bewegt.

Tipps und Informationen zur Schneeschuhwanderung Aeschiried

Route: Aeschiried Schulhaus–Aeschiallmi–Alp Bireberg–Greberegg–Punkt 1660–Brunnihütte. Auf dem Rückweg bis zur Skilift Bergstation auf dem Gratweg bleiben. Von dort über einen mässig steilen Hang unterhalb des Skigebiets zurück zum Schneeschuhtrail. Aus Sicherheitsgründen dürfen die Skipisten nicht begangen werden.
Variante: Statt zur Brunnihütte nur bis zur Greberegg. Spart eine Stunde Weg und bietet ebenfalls viel Aussicht. Verpassen tut man im Gegenzug den wildesten Gratabschnitt, den einzigen Gipfel der Tour und die Nähe zum Morgenberghorn.
Anforderungen: Wer bis zur Brunnihütte aufsteigt, braucht gute Kondition. 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden, einzelne Abschnitte sind etwas steil. Bei schlechtem Wetter und viel Wind wird es auf dem Grat unangenehm. Technisch ist die Tour einfach; sie dauert ohne Pausen rund 5 Stunden.
Orientierung: Die Route ist als Schneeschuhtrail ausgesteckt und mit Stangen gut markiert. Nur das Stück zwischen der Bergstation des Skilifts und der Einmündung des Trails von der Alp Bireberg ist nicht markiert. Spuren sind jedoch überall vorhanden.
Ausrüstung: Nebst Schneeschuhen und Stöcken gehören eine Lawinenausrüstung und eine Karte zum Bestandteil einer Schneeschuhtour. Das Lawinenbulletin ist unter www.slf.ch abrufbar. Einkehrmöglichkeiten: In Aeschiried und Aeschi.
Anreise: Mit dem Zug nach Spiez, dann mit dem Postauto bis Aeschiried Schulhaus. Dort fi nden sich auch Parkplätze.
Karten: Swisstopo-Landeskarte 1:25 000 Blatt Lauterbrunnen (1228) oder Schneesportkarte 1:50 000 Blatt Interlaken (254S).

Weitere schöne Schneeschuhwanderungen die es zu erleben gibt:

Wandern um die Ibergeregg im Winter mit den Schneeschuhen

Wanderung in den Freiburger Voralpen mit Sicht auf die Gastlosen

Winterwandern in der Stille in Nidwalden


NATURZYT Ausgabe Dezember 2020, Text/Fotos Daniel Fleuti

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