Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, doch wir sehen die Dinge immer nur aus unserer Sicht. Wie aber wäre es, wenn wir hören könnten, was unsere 4-, 8- oder 111-beinigen Mitbewohner dieser Erde uns zu sagen haben? Was würden sie wohl über uns Menschen denken, und wie würden sie ihr Zusammenleben mit uns empfinden?
Eine spannende Idee – sähen wir das ganze einmal aus ihrer Sicht und erführen, was sie uns alles zu sagen hätten. Naturzyt hat sich deshalb entschlossen, neue Wege aus zuprobieren und sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn sie wie wir sprächen und wir sie einfach fragen könnten.
In früheren Zeiten wurden sie für Zaubertränke missbraucht und für Aphrodisiaka verwendet. Sie gehören aber wohl zu den wenigen, welche weltweit einem Tiergeist zugeordnet werden. In China wird ihre Fruchtbarkeit mit Reichtum gleichgesetzt und so gelten sie als ein Symbol des Wohlstandes, stehen aber ebenso als Symbole der Wandlung. Viele finden sie jedoch glitschig und ekelerregend. Dabei haben sie etwas ganz Besonderes an sich – unsere Erdkröten.
Als ich eines Abends noch durch den Garten, hoch zur Terrasse laufen will, sehe ich plötzlich einen relativ grossen, kugeligen Schatten, welcher sich schnell in Richtung Terrassenfenster bewegt. Ich bleibe abrupt stehen und versuche genauer zu sehen, was sich da so behände über den Weg bewegt, weshalb ich meine Handylampe anknipse. Ich traue meinen Augen kaum, aber das, worauf ich da beinahe getreten wäre, ist tatsächlich eine wunderschöne Erdkröte. So was Cooles, da wohnt doch tatsächlich eine Erdkröte bei uns im Garten. Das schreit ja geradezu nach einem Interview.
HALLO, DU SCHÖNE, TUT MIR LEID, WENN ICH DICH ERSCHRECKT HABE. ICH BIN FROH, DASS ICH NACH UNTEN GESCHAUT HABE UND DEINEN SCHATTEN NOCH WEGHUSCHEN SAH, SONST HÄTTE ICH DICH VIELLEICHT ZERTRETEN. ICH WOLLTE DIR BESTIMMT NICHTS BÖSES.
Du hast mich tatsächlich richtig erschreckt. Gut, dass ich so schnell laufen kann. Moment, hast du eben «Hallo, du Schöne» gesagt? Meinst du das ernst? Das hat noch nie jemand zu mir gesagt. Normalerweise ekeln sich die Leute vor mir, sofern sie mich sehen. Wer bist du denn?
JA, DAS HABE ICH GESAGT UND AUCH SO GEMEINT. ICH BIN GINI, UND ICH WOHNE HIER. AUSSERDEM SCHREIBE ICH INTERVIEWS MIT TIEREN, UM DIESE DEN MENSCHEN NÄHERZUBRINGEN, DENN ICH FINDE, ALLE TIERE SIND SCHÖN. JEDES AUF SEINE WEISE. WIE HEISST DU DENN, WENN ICH FRAGEN DARF?
Ich bin Erna Erdkröte, freut mich sehr, dich kennen zu lernen. Was sind denn Interviews, und könntest du bitte das grelle Licht wegmachen?
TUT MIR LEID, NATÜRLICH, ICH MACHE DIE LAMPE GLEICH AUS. EIN INTERVIEW IST EIGENTLICH EIN GESPRÄCH, WIE WIR ES GERADE FÜHREN, NUR DASS ICH DIR FRAGEN STELLE UND DU DABEI ETWAS ÜBER DICH UND DEINE ART ERZÄHLST.
Oh, das ist aber toll. Würdest du so ein Interview mit mir machen?
DAS WERDE ICH SEHR GERNE, LIEBE ERNA. ICH DARF DICH DOCH SO NENNEN?
Natürlich, darf ich dich dann auch Gini nennen?
DARFST DU. DU KANNST AUCH GANZ ENTSPANNT BLEIBEN, ES WIRD DIR NICHTS GESCHEHEN. DANN ERZÄHL MIR DOCH BITTE EIN BISSCHEN MEHR ÜBER DICH UND DEIN LEBEN.
Tut mir leid, Gini, ich bin ein bisschen nervös. Ich habe so etwas noch nie gemacht, aber ich finde es spannend, ein wenig aus der Sicht einer Erdkröte zu erzählen. Wer weiss, vielleicht wird das der erste Schritt, um den Menschen näherzubringen, was wir wirklich tun und wie wir leben.
DA HAST DU SICHERLICH RECHT. VIELE MENSCHEN WISSEN WENIG ÜBER UNSICHTBARE WESEN WIE DICH. LASS UNS ZU BEGINN MIT DER FRAGE ANFANGEN, WIE DU DEN TAG VERBRINGST. WAS SIND DEINE TÄGLICHEN AKTIVITÄTEN?
Tatsächlich bin ich eher nachtaktiv. Tagsüber halte ich mich gerne im Schatten auf, um der Sonne zu entkommen. Wie die meisten Kröten bevorzuge ich kühleres, feuchteres Wetter. Bei warmem, trockenem Klima bin ich eher zurückhaltend und bleibe in Verstecken, wie unter Steinen oder in Laubhaufen. In der Nacht jedoch, wenn es kühler wird, bin ich auf Nahrungssuche. Das bedeutet für mich, Insekten, Würmer und andere kleine Lebe wesen zu fressen, die ich in den feuchten Böden finde.
Erna Erdkröte ist eine «Nachteule» und unkomplizierte Esserin. Sie liebt unseren Garten und Nachbars Teich und sie hat schon mind. 3× 10 000 Kinder geboren.
WIE SIEHT DENN DEINE ERNÄHRUNG GENAU AUS? WAS STEHT AUF DEINEM SPEISEPLAN?
Ich bin ein echter Allesfresser, aber hauptsächlich ernähre ich mich von Insekten, Regenwürmern, Spinnentieren und kleinen Weichtieren. Einmal habe ich sogar einige kleine Kaulquappen entdeckt – aber ich esse sie nicht, es sei denn, es gibt wirklich keine anderen Optionen. Könnten ja kleine Artgenossen sein. Ich bin keine Jägerin, die ihre Beute verfolgt, sondern eher eine «Schleicherin». Ich bleibe ruhig sitzen, warte und schnappe mir dann alles, was in meine Nähe kommt.
DAS KLINGT NACH EINER SEHR PRAKTISCHEN JAGDMETHODE! WIE GEHST DU EIGENTLICH MIT DEN VERSCHIEDENEN JAHRESZEITEN UM? GIBT ES FÜR DICH ZEITEN DES JAHRES, IN DENEN DU MEHR AKTIV BIST?
Oh ja. Im Frühling und Sommer bin ich besonders aktiv, weil dann die Temperaturen mild sind und die Nahrung reichlich vorhanden ist. Wenn es zu heiss wird oder die Sonne den Boden zu sehr austrocknet, ziehe ich mich jedoch zurück. Der Herbst ist auch eine Zeit der Vorbereitung – dann beginne ich, mich für den Winter vorzubereiten. Ich halte keine echte Winterruhe wie manche Tiere, aber ich gehe in eine Art Ruhephase über. Ich reduziere meine Aktivität und finde einen geschützten Ort, um den kälteren Monaten zu trotzen. Manchmal schlafe ich auch mehrere Tage hintereinander, um Energie zu sparen.
DU ERWÄHNST, DASS DU KEINE WINTERRUHE HÄLTST, ABER TROTZDEM EINE PHASE REDUZIERTER AKTIVITÄT HAST. WIE ÜBERSTEHST DU DANN DEN WINTER? WELCHE ÜBERLEBENSSTRATEGIEN HAST DU ENTWICKELT?
Im Winter kann es sehr kalt werden, und ich würde ohne Schutz vor den Temperaturen und den Elementen nicht überleben. Deshalb halte ich mich gerne in Erdlöchern oder unter grossen Steinen auf, die mir ein gewisses Mass an Schutz bieten. Dort sinke ich in eine Art Ruhezustand, in dem mein Stoffwechsel stark verlangsamt wird. Ich esse in dieser Zeit nicht mehr, sondern lebe von den Energiereserven, die ich im Sommer und Herbst angesammelt habe. Solange die Temperaturen nicht unter den Gefrierpunkt sinken, kann ich diese Zeit überstehen. Wenn es jedoch zu extrem wird, gehe ich tiefer in den Boden, wo es etwas wärmer ist.
DU HAST ERWÄHNT, DASS DU IN DER NACHT AKTIV BIST. WIE ORIENTIERST DU DICH IN DER DUNKELHEIT? HAST DU BESONDERE SINNE, DIE DIR DABEI HELFEN?
Ja, ich habe tatsächlich sehr ausgeprägte Sinne, die mir das Leben erleichtern. Besonders mein Gehör ist hervorragend entwickelt. Ich kann Geräusche wahrnehmen, die für den Menschen nicht hörbar sind, was mir hilft , Fressfeinde zu erkennen. Mein Geruchssinn ist ebenfalls stark ausgeprägt, und ich kann so die Pheromone anderer Tiere, insbesondere von Artgenossen, wahrnehmen. Zudem habe ich sehr empfindliche Haut, die es mir ermöglicht, Vibrationen aus der Umgebung zu spüren. Wenn sich etwas in meiner Nähe bewegt, kann ich oft schon reagieren, bevor ich es mit meinen Augen sehe.
SPRECHEN WIR ÜBER DEINE ARTGENOSSEN. WIE SIEHT DIE KRÖTENWELT AUS? LEBST DU ALLEINE ODER HAST DU AUCH SOZIALE KONTAKTE ZU ANDEREN KRÖTEN?
Grundsätzlich bin ich, wie viele Kröten, eher eine Einzelgängerin. Wir sind keine besonders sozialen Tiere. Wir treffen uns nur zur Paarungszeit, welche meist im Frühling oder zu Beginn des Sommers stattfindet. Die Männchen rufen dann lautstark, um Weibchen anzulocken. Diese Rufe sind ein wesentlicher Teil der Fortpflanzung. Ansonsten halten wir uns grösstenteils voneinander fern und respektieren unseren Raum. Jeder lebt in seinem eigenen Revier, das er verteidigt, wenn es nötig ist.
WIE VERLÄUFT DENN EINE PAARUNG UND WAS PASSIERT DANN MIT DEN EIERN?
Die Paarung ist ein faszinierender Prozess. Zunächst kommen die Männchen zu den Laichgewässern, in denen sie laut rufen, um uns Weibchen anzulocken. Sobald ich ein Männchen ausgewählt habe, klettert es auf meinen Rücken, und wir schwimmen gemeinsam ins Wasser. Dort lege ich eine Vielzahl von Eiern in einer sogenannten Laichschnur ab, welche dann im Gewässer treibt – manchmal bis zu 10 000! Das Männchen befruchtet die Eier dann. Nach einiger Zeit schlüpfen die Kaulquappen, die sich im Wasser weiterentwickeln. Ich beobachte die kleinen Kaulquappen oft aus sicherer Entfernung, aber es sind sehr empfindliche Wesen, die noch viele Gefahren durch Fressfeinde haben.
WAS SIND DENN FÜR DICH DIE GRÖSSTEN GEFAHREN, DENEN DU ALS ERDKRÖTE GEGENÜBERSTEHST?
Es gibt viele Gefahren für uns. Raubtiere wie Füchse, Vögel oder auch grössere Säugetiere stellen eine ständige Bedrohung dar. Besonders gefährlich sind jedoch die menschlichen Aktivitäten. Strassen sind ein grosses Problem für uns Kröten. Wir müssen oft Strassen überqueren, wenn wir zu unseren Laichgewässern wollen, was zu einer hohen Zahl an Verkehrsunfällen führt. Zudem ist die Zerstörung von Lebensräumen ein wachsendes Problem. Wenn Wälder oder Feuchtgebiete verschwinden, verlieren wir unsere Lebensräume und haben es schwer, genügend Nahrung und Unterschlupf zu finden. Deshalb bin ich froh, hier einen guten Platz gefunden zu haben. Dein Garten ist zwar eher klein, aber da du auf jegliche Gifte im Garten verzichtest, hast du eine Menge Nahrung für mich. Und Nachbars schöner grosser Teich ist ein ideales Laichgebiet und schnell zu erreichen, ohne mich in Gefahr begeben zu müssen. So kann ich meine restlichen Jahre in vollen Zügen geniessen.
DARF ICH FRAGEN, WIE ALT DU BIST UND WELCHES ALTER ERDKRÖTEN ERREICHEN KÖNNEN?
Klar, ähm warte, mit 3 Jahren wurde ich geschlechtsreif, und ich werde diesen Frühling schon zum dritten Mal laichen. Also bin ich 6 Jahre alt, und ich weiss, dass wir bis zu 12 Jahre alt werden können.
DANN HABEN WIR JA NOCH WEITERE 6 JAHRE, UNS GELEGENTLICH ZU UNTERHALTEN, WENN WIR UNS DES NACHTS TREFFEN. GIBT ES NOCH ETWAS, DAS DU DEN MENSCHEN GERNE SAGEN WÜRDEST?
Ja, ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr über uns und unsere Bedürfnisse lernen und uns respektieren. Wir brauchen gesunde, ungestörte Lebensräume, in denen wir leben und uns fortpflanzen können. Wenn Menschen Naturschutzgebiete schaffen und Strassen so bauen, dass wir sie sicherer überqueren können, würde das viel helfen. Zudem sollten Menschen auch auf ihre eigenen Gärten achten – wenn sie Feuchtgebiete oder Tümpel anlegen, können wir Kröten davon profitieren. Solche kleinen Schritte würden die Lebens bedingungen für uns erheblich verbessern.
ICH DANKE DIR SEHR FÜR DIESES GESPRÄCH, ERNA, UND HOFFE, WIR SEHEN UNS BALD MAL WIEDER. NOCH EINE ERFOLGREICHE NAHRUNGSSUCHE WÜNSCHE ICH DIR.
Das habe ich gerne gemacht. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend und danke, dass ich das tun durfte.
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NATURZYT Ausgabe März 2025, Text/Fotos/Illustration Virginia Knaus

