Baumstrunk im Sommer mit spezieller Kontur

Von den Menschen wegen seiner Unzugänglichkeit gemieden, gehorcht der Fichtenurwald Scatlè seit über 600 Jahren seinen eigenen Gesetzen. Zu Besuch beim kleinsten, ältesten und urtümlichsten Urwald der Schweiz im bündnerischen Val Frisal.

Derborence, Bödmeren, Scatlè. Die drei Namen stehen für die letzten Urwälder hierzulande. Als Urwald gilt eine Baumgemeinschaft, die über Jahrhunderte nicht von Menschen beeinflusst wurde. Die strenge Definition trifft auf Derborence und Scatlè zu, beim Bödmeren-Wald muss man ein Auge zudrücken, hier fanden sporadisch Nutzungen statt. Über die Schweiz sind die drei Urwälder gerecht verteilt, so haben alle etwas davon. Derborence befindet sich im Wallis am Fuss des Bergsturzgebiets der Diablerets, Bödmeren liegt zentral im Muotathal und Scatlè deckt den Osten des Landes ab. Der kleinste Urwald der Schweiz wächst im Val Frisal, einem Hochtal bei Brigels in der Bündner Surselva. Klein ist dabei wörtlich zu nehmen: Neun Hektaren umfasst Scatlè, das sind gerade mal ein Dutzend Fussballfelder. Er ist der kleinste, älteste und höchstgelegene Urwald Europas.

Kleine Tanne die aus einem Stein wächst

Val Frisal ist ein Urwald aus Fichten und Weisstannen

Scatlè ist schattig und ausgesprochen steil. Die Bäume, allesamt Fichten und eine Weisstanne, besiedeln eine ehemalige Bergsturzfläche und einen Lawinenzug zwischen 1500 und 2000 Metern. Das erklärt, weshalb sie zum Urwald wurden: Den Menschen war die Bewirtschaftung schlicht zu anstrengend. Den Bäumen gefällt das. Bis zu 650 Jahre alt sind die Fichten und 30 Meter hoch. Etwa ein Drittel ist Totholz. Dieses bietet den jungen Bäumen eine Kinderstube und über 300 Käferarten eine Wohnung. Scatlè steht seit 1911 unter dem Schutz von Pro Natura und der Gemeinde Brigels. Der ETH Zürich dient der Wald als Forschungsplatz. Jeder Baum trägt ein Nummernschild und wird beobachtet. Man will Erkenntnisse gewinnen zur natürlichen Waldentwicklung, zur Biodiversität und zur Bedeutung von Totholz. Das Urwald-Wissen kommt der modernen Waldwirtschaft zugute.

Für den Wanderer hat Scatlè einen Haken: Der Wald ist unzugänglich. Es gibt keine Wege, keine Karte, nichts. Nach wenigen Schritten hat man sich verirrt. Trotzdem ist Scatlè einen Besuch wert. Das Val Frisal, in dem er steht, ist eines der schönsten Hochtäler der Schweiz. Es ist wild und naturbelassen, kein Stausee, keine Hochspannungsleitung, kein Autolärm stören die Idylle. Nur der Fluss Flem, der macht ordentlich Musik. Übermütig schickt er sein Wasser nach Brigels ins Tal, in seinem Quellgebiet malt er mit seinen Armen eine traumhafte Moorlandschaft. Bifertenstock, Kistenstöckli, Piz Frisal und der Tödi steuern die Bergkulisse bei zum Postkartenbild.

Fluss im Sommer vor dem Fichtenurwald
Der aus der Ferne unscheinbar erscheinende Fichtenurwald Scatlè am linken Bachufer.

Start der Tour ist in Brigels, auch bekannt als Breil

Ausgangspunkt der Tour ist Brigels oder besser gesagt Breil. Im Dorf spricht man zum grössten Teil romanisch, und dafür steht das romanische Breil. Von der Sonne ist man reich verwöhnt hier oben, der Lage auf der weitläufigen Terrasse über dem Inntal sei Dank. Jetzt im Herbst schätzt man die wärmenden Strahlen, schön ist es, so frühmorgens zur Wanderung zu starten. Ausgangs Dorf zieht eine erste Sehenswürdigkeit die Aufmerksamkeit auf sich – die Kapelle St. Eusebius stammt aus dem frühen Mittelalter und steht auf dem ehemals römisch-keltischen Burghügel.

Bald schon löst die Natur die Kultur ab, der Flem betritt die Bühne. Erst spielt er noch Verstecken im Graben unterhalb des Wegs, je höher wir aber steigen, desto mehr dominiert er die Szene und die Geräuschkulisse. Das Tal und sein Bach scheinen nicht nur bei Wanderern beliebt zu sein, sondern auch bei Familien und Ausflüglern. Mehrere Picknickplätze mit Feuerstellen laden zu Spass und Spiel am Ufer des Flem. Der oberste, Chischarolas, liegt am Rand des Scatlè-Urwaldes. Nur wissen das die wenigsten Besucher. Nichts macht auf die Besonderheit am Wegrand aufmerksam, Scatlè soll seine Ruhe haben. Wirft man aber vom Wegrand einen Blick ins Dickicht, fällt sofort auf, dass die Bäume hier tun und lassen, was sie wollen. Das Durcheinander ist einzigartig.

Blick von der Alp ins Tal Val Frisal
Blick auf das obere Val Frisal im Aufstieg zur Alp Rubi Sura.

Über die Alp Rubi Sut zur Alp Rubi Sura

Freie Wahl haben auch wir auf dem weiteren Weg. Wer dem Flem die Treue halten will, folgt ihm bis zu seinem Quellgebiet nach Frisal, lässt sich hier von seiner Schwemmebene verzaubern und kehrt über die Alp Nova zurück nach Chischarolas und Breil. Uns hingegen zieht es in die Höhe, so hat man einen besseren Überblick über das Tal und die mächtige Bergwelt. Die Aussicht will verdient sein, der gut einstündige Aufstieg über die Alp Rubi Sut zur Alp Rubi Sura ist steil und fordernd.

Die Belohnung darf sich sehen lassen: Weit geht der Blick vom Kistenstöckli über den Bifertenstock bis zum Tödi, unten erstreckt sich das Val Frisal. Wer jetzt noch zu viel Energie in den Beinen hat, steigt weiter auf und stattet der frisch sanierten Bifertenhütte einen Besuch ab. Ansonsten geht es auf dem Höhenweg langsam talwärts, der Alp Quader und dem Sessellift Burleun / Crest Falla entgegen. Von der gegenüberliegenden Talseite grüssen die Urwaldriesen von Scatlè. Ein Bild, das wir gerne mitnehmen auf den Heimweg.

Tipps und Informationen zur Wanderung im Val Frisal

Wanderroute: Breil / Brigels – Chischarolas – Rubi Sut – Rubi Sura – Alp Quader – Burleun / Crest Falla (Sessellift zurück nach Breil / Brigels).
Varianten: Von Rubi Sura einen zweistündigen Abstecher machen zur Bifertenhütte. Von Rubi Sut ins Schwemmgebiet des Flem nach Frisal und über die Alp Nova in einer Runde zurück nach Chischarolas und Breil / Brigels. Etwa gleich lang wie die Hauptroute über Rubi Sura. Statt mit der Sesselbahn von Burleun über Chischarolas in eineinhalb Stunden nach Breil / Brigels.
Anforderungen: Konditionell etwas fordernde, technisch aber einfache Wanderung. Das Val Frisal mit dem Wildbach Flem ist auch für Familien toll, nur schon wegen der Feuerstellen. Die Wanderzeit beträgt ohne Pausen rund 4,5 Stunden. Hängt man den Abstecher zur Bifertenhütte oder den Abstieg von Burleun nach Breil / Brigels an, wird eine zünftige Tagestour daraus.
An- und Rückreise: Breil / Brigels ist mit dem Zug und Postauto erreichbar, umsteigen in Chur und Tavanasa. Die Sesselbahn fährt bis am 21. Oktober.
Einkehr: In Breil / Brigels, in der Bifertenhütte und auf Burleun.
Karten: Swisstopo Wanderkarten 1:50 000, Blätter Klausenpass (246T) und Disentis (256T); Swisstopo Landeskarte 1:25 000, Blätter Tödi (1193) und Trun (1213).

Weitere schöne Herbstwanderungen die es zu erleben gibt:

Wandern auf dem Mont Raimeux

Triftbrücke und Triftschlucht: Schaukeln über der Schlucht

Walensee: Wandern an der Ostschweizer Riviera


NATURZYT Ausgabe September 2018, Text, Fotos Daniel Fleuti 

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