Der grösste Bergsturz der Alpen begrub vor 9500 Jahren das Bündner Vorderrheintal unter Schutt und Fels. Die Kraft des Wassers hat daraus die Rheinschlucht geschaffen, eine der spektakulärsten Landschaften der Schweiz. Die Wanderung durch diese Urwelt ist unvergesslich. Der Blick von oben auf sie ebenso.
Irgendetwas stimmt hier nicht. Wir stehen am Bahnhof Valendas-Sagogn und schauen dem Zug nach, der hinter der nächsten Kurve verschwindet. Eine Handvoll Häuser, eine angejahrte Brücke und ein Stationsgebäude, das zum Café umgewandelt worden ist, sind alles, was es hier zu geben scheint. Von einem Dorf ist nichts zu sehen. Dafür umgibt uns wilde Natur: überwucherte Böschungen, dunkle Wälder, schroffe Felswände, spitze Felsnadeln und ein graublauer Fluss. Dieser wird uns während Stunden begleiten, auf der Wanderung durch die Rheinschlucht von Valendas nach Flims.
Entstehung der Rheinschlucht: Bergsturz und Kraft des Rheins
Die Rheinschlucht ist eine der faszinierendsten und schönsten Landschaften der Schweiz, mit eindrücklichen Ausmassen. Auf einer Länge von 14 Kilometern hat sich der Vorderrhein bis zu 350 Meter tief in die Felsen gefressen, hat Kiesbänke und Inseln aufgeschüttet, Höhlen ausgewaschen, Tälchen und Skulpturen geformt. An seinem Ufer gedeihen ökologisch wertvolle Auenwälder mit Weisserlen, die stark gefährdeten Vogelarten Flussuferläufer und Flussregenpfeiffer finden ideale Lebensräume. Kein Wunder, fand die Rheinschlucht 1977 als eines der ersten Gebiete Einzug ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.
Eine Schlucht von dieser Dimension muss einen entsprechenden Ursprung haben. Bei der Rheinschlucht ist es der Flimser Bergsturz, der grösste Bergsturz der Alpen. Vor 9500 Jahren donnerten neun Kubikkilometer Gestein – das entspricht zwei Mal dem Volumen des Brienzersees – vom 2700 Meter hohen Flimserstein zu Tal und begruben das Gebiet zwischen Ilanz und Reichenau unter sich. Der Vorderrhein wurde gestaut und liess bei Ilanz einen See von rund 30 Kilometern Länge anwachsen. Der Damm aus Bergsturzmaterial vermochte die Wassermassen nicht lange zurückzuhalten. Das Bollwerk brach, der Vorderrhein ergoss sich sintflutartig über das Gebiet und suchte sich einen Weg durch die Masse aus Fels und Schutt. Noch heute mäandriert der Fluss in der Schlucht weitgehend frei.
Wandern in der Ruinaulta: Natur, Wege und besondere Landschaft
In der Ruinaulta, wie die Rheinschlucht auf Rätoromanisch heisst, ist wenig Platz. Nebst dem Fluss reicht es noch für die Rhätische Bahn und den Wanderweg. Die Strassen und Dörfer hingegen liegen «oben», auf dem breiten Plateau über der Schlucht. Womit das Rätsel des fehlenden Dorfs gelöst ist. Wer das verträumte Valendas besuchen will, steigt vom Bahnhof Valendas-Sagogn eine gute halbe Stunde steil auf. Wir hingegen machen uns an den im Vergleich flachen Schluchtenweg.
Zügig geht das nicht vonstatten, im Schweizer Grand Canyon gibt es viel zu sehen und entdecken. Hier lädt ein Aussichtspunkt zum Staunen, da ein lauschiger Platz am Wasser zur Rast. Infotafeln weisen auf Gebiete hin, die unter Schutz stehen und nicht betreten werden dürfen. Der Weg folgt mal dem Fluss, ab und an wartet er mit einer Schlaufe auf und führt uns durch Föhren-Erika-Wald und vorbei an blumigen Wiesen. Sogar ein paar knackige Steigungen und Abstiege hält der Bergweg bereit – und vor Versam-Safien verläuft ein Abschnitt auf schmalem Kiesdamm. Diesen verlässt man besser nicht, die Felsbrocken, die rechts des Wegs in der kleinen Mulde liegen, zeugen von regem Steinschlag.
Aussichtspunkt Il Spir: Panorama über die Rheinschlucht geniessen
Bei der Eisenbahnbrücke nach Versam ist fertig lustig. Jetzt heisst es seine Kräfte sammeln für den Ausstieg aus der Ruinaulta. 350 Höhenmeter weiter oben wartet die Aussichtsplattform «Il Spir» auf uns, im steilen Zickzack geht’s im schattigen Wald bergauf. Unterwegs bietet sich immer wieder schöne Sicht auf die Schlucht, doch der Blick von der luftigen Plattform in die Tiefe ist nicht zu übertreffen. Angesichts deren Ausgesetztheit kommen selbst Hartgesottene ins Schwitzen, ganz zu schweigen von Menschen mit Höhenangst. Egal – solch ein Panorama muss man sich gönnen. Den Besucherandrang ignoriert man einfach.
Caumasee und Flims: Abschluss der Wanderung in Graubünden
Der Abschluss der Tour könnte lauschiger nicht sein. Das Bergsturzgelände um Flims hat sich im Laufe der Jahrtausende zu einem märchenhaft schönen Wald gemausert. Entsprechend viel begangen ist das dichte Wegnetz. Kurz vor Flims leuchtet türkisblau der Caumasee zwischen den Bäumen – eine Perle von See mit Restaurant und im Sommer rege besuchtem Schwimmbad. Wer keine Lust auf Wandern entlang der abgezäunten Badi hat, wählt den kleinen Umweg über das gegenüberliegende Seeufer – und kommt auch so bald müde in Flims Waldhaus an.
Wanderung Rheinschlucht: Route, Dauer und praktische Tipps
Wanderroute: Bahnhof Valendas-Sagogn–Bahnhof Versam Safien–Conn Sut–Aussichtsplattform «Il Spir»–Conn–Caumasee–Flims Waldhaus.
Anforderungen: Die Wanderung stellt keine besonderen technischen Anforderungen, der steile Aufstieg nach Conn erfordert aber etwas Kraft. Unterwegs ist man auf gut ausgebauten Berg- und Wanderwegen. Die Wanderzeit beträgt rund 4,5 Stunden.
An- und Rückreise: Mit dem Zug über Chur nach Valendas-Sagogn. Zurück ab Flims Waldhaus, Caumasee mit dem Postauto nach Chur.
Einkehr: Bei den Bahnhöfen Valendas-Sagogn und Versam-Safien, in Conn, am Caumasee und in Flims Waldhaus. Unterwegs viele Rastplätze mit Feuerstellen.
Karten: Swisstopo Wanderkarte 1:50 000, Blatt Sardona (247T); Swisstopo Landeskarte 1:25 000, Blätter Reichenau (1195) und Flims (1194).
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