Winterlandschaft mit Schnee in den Schweizer Bergen
Was für eine Aussicht! Im Talschluss von Lauenen liegt der Lauenensee, am Fuss der majestätischen Wildhornkette.

Ohne den Lauenensee wäre die Schweiz um eine der schönsten Balladen und um ein bezauberndes Moorgebiet ärmer. Der See im hintersten Berner Oberland zieht Naturliebhaber unablässig in seinen Bann. Schneeschuhläufer etwa, die von Lauenen über die Walliser Wispile zu seinen Gestaden finden.

«I gloub, i gangä no meh a Louenesee», singen die Berner Mundartrocker Span in ihrem Klassiker. Steht man auf der Walliser Wispile und blickt auf das langgezogene Lauenental mit seinem Mosaik aus Alpen und Wäldern, auf den wuchtigen Felsriegel um Wildhorn, Geltenhorn und Spitzhore und auf besagten See im Talschluss, kann man den Musikern nur zustimmen. Lauenen, zuhinterst im Saanenland am Übergang zum Wallis gelegen, ist etwas Spezielles.

Den Zauber dieser Landschaft ergründet man am besten auf die sanfte und langsame Art. In unserem Fall heisst das: Schneeschuhe an die Füsse und los. Zahlreich sind die Tourenmöglichkeiten, von der einfachen, signalisierten Runde durchs Hochmoor Rohr bis zur fordernden Gipfeleroberung ist alles zu haben. Die Tour zur Walliser Wispile soll zu den schönsten und abwechslungsreichsten gehören. 

Schneeschuhwanderer in den Bergen auf einem schneebedeckten Pfad
Ein Traum von Schneeschuhtour. Aufstieg zur Chrine in der Morgensonne.

Schneeschuhtour von Lauenen zur Walliser Wispile

Start ist beim Skilift an der Rohrbrücke. Nur – wer mag, für den lohnt es sich, das Postauto bereits vorne im Dorf zu verlassen und gemütlich zur Rohrbrücke zu bummeln. Lauenen ist ganz anders als Gstaad, wo wir eine halbe Stunde zuvor eingestiegen sind. In Gstaad ist der Luxus zu Hause. Stars und Sternchen aus Film, Kunst, Sport und Wirtschaft reichen sich die Klinke, auf der Promenade haben sich Boutiquen und Juweliere von Weltrang eingerichtet. In Lauenen sind Glanz und Glamour Fremdworte. Man ist stolz auf die alten, gut erhaltenen Chalets und auf die Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Statt Cartier und Prada gibt es hier einen Dorfladen, statt Pelzmäntel trägt man gewöhnliche Winterkleidung. Nur ab und zu weht ein Hauch Gstaad durchs Bergdorf.

Den Skilift muss man nicht lange suchen: Es gibt nur einen, und der ist gut ausgeschildert. Startet man beizeiten, bekommt man vom Skibetrieb ohnehin nichts mit. Bis zehn Uhr schläft die Anlage, wir können bequem auf und neben der Piste zur Bergstation stapfen. Hinter dem Skilift beginnt die Zauberwelt: eine Moorlandschaft , die einem in die nordische Wildnis versetzt. Weite und Ruhe sind unsere Begleiter, der gut ausgetretene Pfad zur Chrine schlängelt mal über offenes Moorgelände, mal durch lichten Baumbestand. Der Schnee ist übersät mit Tierspuren; Hase, Fuchs, Eichhörnchen und Reh waren da. Ist der Mensch ins Tal zurückgekehrt, scheint hier ganz schön was los zu sein. 

Schneeschuhpfad im Winter im Wald bei Sonnenschein
Im Wald heisst es auf der Spur bleiben. Die Wildtiere sagen Danke.

Naturerlebnis im Schutzgebiet Gelten-Iffigen

Der Winter ist die härteste Zeit für Wildtiere. Das Vorwärtskommen im tiefen Schnee ist mühsam, die Nahrung knapp. Die Energie will gut eingeteilt sein, um den nächsten Frühling zu erleben. In Lauenen will man dem Wild die schwierige Zeit einfacher machen: Einige Ruhezonen sind ausgeschieden, die man nur auf vorgegebenen Wegen durchqueren darf. So gewöhnen sich die Tiere an die Besucher und wissen um sichere Rückzugsorte.

Überhaupt geniesst die Natur in Lauenen einen hohen Stellenwert. Das Tal gehört zum Schutzgebiet Gelten-Iffigen, einem der grössten zusammenhängenden Naturschutzgebiete der Schweiz. In den 50er-Jahren wollte man den im Talschluss liegenden Geltenbach samt seinem Wasserfall, dem Geltenschuss, zur Produktion von Strom anzapfen. Das passte den Lauenern gar nicht. Einstimmig beantragten sie der Regierung in Bern, das wilde Geltental und den angrenzenden Lauenensee unter Schutz zu stellen. Als diese einwilligte, läuteten im Dorf zum Dank die Kirchenglocken. Heute ist die Natur das Kapital der Gemeinde. Rund 50 Landwirtschaftsbetriebe leben von ihr, der Lauenensee und das angrenzende Hochmoor Rohr sind das Rückgrat des lokalen Tourismus. 

Bergpanorama in den Bergen im Winter
Aussicht von der Chrine Richtung Gsteig. Ein gelungener Pausenplatz.

Aufstieg zur Walliser Wispile - Höhenmeter und Anforderungen

Apropos Grat: Dieser steht uns jetzt bevor, er führt uns von der Chrine auf die Walliser Wispile. Auf der Chrine hätten wir abkürzen können, dem Winterwanderweg entlang nach Gsteig oder auf die Höhe Wispile zur Luftseilbahn nach Gstaad. Schade wärs gewesen, die eineinhalb Stunden bis zum Gipfel sind spektakulär. Die Landschaft legt an Urtümlichkeit nochmals zu, die Aussicht auf das Tal und die majestätische Bergwelt zwischen Louwenehore, Wildhorn und Spitzhore wird zusehends besser. Höhepunkt des Aufstiegs ist die Hintere Wispile, die Alp vor dem Gipfel: Vor beinahe jeder Hütte wartet ein Rastplatz an der Sonne. Das ist wie Sonntag.

Schneebedeckte Alp im Winter bei Sonnenschein
Bei der Hinderen Wispile lohnt sich eine Pause.

Abstieg zum Lauenensee und Tourenvariante

Wer bei der Walliser Wispile einen Gipfel erwartet, wird enttäuscht. Sie gleicht eher einer Erhebung im Gelände. Dafür bietet der folgende Abstieg, was man von ihm erwartet: Spass pur. Im Tiefschnee geht es über sanfte Hänge dem Lauenensee entgegen, der unter einer Eisdecke Winterschlaf hält. Span-Gitarrist Georges Müller wollte sich über den Liebeskummer hinwegtrösten, als er am Lauenensee die bekannte Rockballade schrieb. Nicht nur ihm hat die Kraft hier hinten gut getan. Zurück beim Skilift fühlen wir uns bestens erholt – und gleichzeitig hundemüde. Auch ein unscheinbarer Gipfel fordert seinen Tribut. 

Winterschneeschuhweg bei herrlichem Wintersonnen-Wetter
Bald ist die Walliser Wispile erreicht. Über sanfte Häge geht es bergwärts.

Route, Anforderungen und praktische Tipps

Route: Lauenen Rohrbrücke–Skilift Bergstation–Chrine–Hinderi Wispile–Walliser Wispile–Spitzi Egg–Hinderem See–Lauenen Rohrbrücke.
Variante: Von der Chrine dem Winterwanderweg entlang nach Gsteig oder auf die Höhi Wispile zur Gondelbahn nach Gstaad. Spart je eine Stunde und ist technisch einfacher. Anforderungen: Wer auf die Walliser Wispile will, braucht guten Schnauf für 750 Höhenmeter Aufstieg. Technisch bietet die Tour, abgesehen von wenigen steilen Passagen, kaum Schwierigkeiten. Die Wanderzeit beträgt ohne Pausen fünf Stunden, davon entfallen drei auf den Aufstieg. 
Fuchs und Hase: In Lauenen sind viele Ruhezonen für Wildtiere eingerichtet. Eine Übersicht gibt www.wildruhezonen.ch 
Orientierung: Die Tour folgt bis zur Walliser Wispile dem Sommerwanderweg, dann geht es über Waldlichtungen Richtung Lauenensee. Spuren sind meist vorhanden. Fehlen diese oder ist die Sicht schlecht, wird die Orientierung schwierig. 
Ausrüstung: Nebst Schneeschuhen gehören eine Lawinenausrüstung und eine Karte zum Bestandteil einer Schneeschuhtour. Das Lawinenbulletin ist unter www.slf.ch  abrufbar. Ein GPS ist hilfreich.
Einkehrmöglichkeiten: Im Dorf Lauenen und bei der Rohrbrücke. Anreise: Mit dem Zug nach Gstaad, dann mit dem Postauto nach Lauenen bis zur Endstation. Bei der Rohrbrücke Parkplätze (Skilift).
Karten: Swisstopo Landeskarte 1:25 000, Blatt Lenk (1266) oder Skitourenkarte 1:50 000, Blatt Wildstrubel (263S).

Weitere schöne Schneeschuhtouren die empfehlenswert sind:

Jufplaun - Winterwandern auf der Hochebene zwischen Ofenpass und Val Müstair

Toggenburger Hügelhüpfen mit Blick auf den Säntis

Über dem Thunersee - Schneeschuhwanderung Aeschiried zur Brunnihütte


NATURZYT, Ausgabe Dezember 2024, Text/Fotos Daniel Fleuti

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