Baum vor schönem Bergsee am morgen
Durchatmen und geniessen: Der Weg zum Lago d’Alzasca ist streng, dafür wird man belohnt mit einer Perle von Bergsee.

Die Wanderung zum Lago d'Alzasca führt durch die unberührte Wildnis des Maggiatals. Entdecke einen der schönsten Bergseen im Tessin und die Capanna Alzasca.

Bergseen sind für jeden Wanderer reizvoll. Der Lago d’Alzasca im Maggiatal ist einer der schönsten seiner Art, die dazugehörende Berghütte ein kulinarisches Erlebnis. Beides muss aber hart erarbeitet sein. Eine Zweitagestour in die Tessiner Wildnis. 

Für die einen ist er der schönste Bergsee des Tessins, andere erklären ihn zur Perle des Maggiatals, wieder andere handeln ihn als Wandergeheimtipp, und so mancher Fischer schwärmt vom reichen Bestand an Regenbogenforellen und Alpensaiblingen. Kurz: Wer den Lago d’Alzasca gesehen hat, ist begeistert. Er ist aber auch ausgesprochen malerisch. Vom Wind zerzauste Lärchen und Moore in allen Grüntönen säumen sein Ufer, ein Kranz schroffer Berge spiegelt sich im tiefblauen Wasser, manch moosbewachsener Fels spendet dem Wanderer einen bequemen Sitzplatz.

Brücke über Wälder im Sommer mit Wanderin
Eintauchen in die Tessiner Wildnis. Auf der Hängebrücke geht’s über die Maggia.

Die Sache hat einen einzigen Haken: Wer ihn sehen will, den Lago d’Alzasca im Maggiatal, muss viele Schweisstropfen lassen. Der See liegt zwar «nur» auf 1855 Meter Höhe. Doch der Ausgangspunkt der Wanderung, das Dorf Someo, bringt es gerade mal auf 378 Meter. Macht exakt 1480 Höhenmeter Aufstieg unter der Tessiner Sonne. Zum Glück spendet der Wald auf weiten Teilen der Tour Schatten. 

Wanderung zum Lago d'Alzasca: Aufstieg durch das wilde Maggiatal

Unten im Tal ist von der bevorstehenden Strapaze noch nichts zu spüren. Der Weg ist zu Beginn topfeben. Er führt uns erst auf einer 380 Meter langen Seilbrücke über die spärlich fliessende Maggia, dann schlängelt er neckisch durch lichten Auenwald. Die Felsen, die zu seiner Linken stetig näher rücken, umtänzelt er gekonnt. Als wollte er uns davor bewahren, über die steile Talseite in die Höhe zu schauen; dorthin, wo der Lago d’Alzasca und die Alzascahütte auf uns warten.

375. Ein wenig erstaunt betrachten wir die Zahl, die mit einem Mal an einem Felsen neben dem Wanderweg prangt. Während wir uns nach deren Sinn fragen, liefert der Weg die Antwort. Es beginnt zu steigen, und zwar zünftig. Die Zahl war die Höhenangabe zum Talboden als Erinnerung für jene, die sie seit dem Start in Someo vergessen hatten.

Vor uns liegen jetzt 700 Höhenmeter Treppensteigen. Treppensteigen? Richtig. Früher scheuten die Bauern keinen Aufwand, an Weideland für ihre Kühe, Rinder, Ziegen, Schweine und Schafe zu kommen. Und gutes Weideland lag nicht unten im Schwemmgebiet der Maggia, sondern oben in den Bergen, zum Beispiel auf der Alp Alzasca, einer der grössten Weiden im Tal.

Naturtreppen in den Bergen im Wald
Treppen, Treppen, Treppen. Unzählige führen vom Talboden hinauf zur Alp Soladino.

Also bauten die Maggiataler einen kühnen Steg durch die senkrechte Felswand, mit Tritten, Brücken und freistehenden Treppenanlagen. Eine dieser Anlagen trägt die Jahreszahl 1734. 

Cascata del Soladino: Historischer Wanderweg und Wasserfall im Maggiatal

Der aufwendig ausgebaute Weg sowie die imposanten Tiefblicke auf die Maggia und die Dörfer im Tal faszinieren, ganz im Unterschied zum Soladino-Wasserfall, dem einst schönsten Wasserfall weit und breit. Sein Wasser wird zur Stromproduktion genutzt, gelassen hat man ihm ein kümmerliches Rinnsal, über das eine elegant geschwungene Natursteinbrücke führt.

Trotzdem lohnt sich ein Blick auf das steile Bachbett. Durch das Val Soladino wurde früher Holz geflösst. Ein Rechen beim grossen Felsen verhinderte, dass die Stämme mit dem Wasserfall zu Tal donnerten.

Wiese vor Bäumen und einem Haus in den Bergern
Bei der Alp Soladino ist Rasten angezeigt.

Auf der Alp Soladino hat das Treppensteigen ein Ende. Wir werden von Ziegen begrüsst, die hier den Sommer verbringen. Eine freundliche Sennin bietet uns den dazugehörenden Käse zum Probieren an. Er schmeckt wunderbar und stärkt uns für die Rückkehr in die Wildnis. Zwischen mannshohen Farnen und vorbei an knorrigen Birken stapfen wir weiter der Alzascahütte entgegen. 

Capanna Alzasca: Berghütte mit Panorama und regionaler Gastfreundschaft

Die Alzascahütte ist ein Bijou. Einst ein schmuckloser Kuhstall, hat sie der SAC Locarno zu einem urgemütlichen Nest ausgebaut. Geführt wird sie von Mai bis Oktober von Freiwilligen; mit ihren 30 Plätzen ist sie zu klein für eine kommerzielle Bewirtschaftung. Die Hüttenteams geben alles, was an Kochkünsten und Gastfreundschaft in ihnen steckt. Und so isst man hier oben besser als in manch teurem Speiselokal. Unvergesslich ist auch die Dusche mit Panoramablick über das Maggiatal.

Berghütte in den Bergen im Sommer
In der Capanna Alzasca lebt es sich vorzüglich, man wird rundum verwöhnt.

Erfrischen könnten wir uns ebenso im Lago d’Alzasca. Der Höhepunkt unserer Wanderung liegt eine halbe Stunde oberhalb der Hütte. Sein Wasser ist aber reichlich kühl, das Wetter heute launisch. Also begnügen wir uns mit einem Sonnenbad unter den Lärchen, schauen den Fischern zu und lassen uns von der Stille einlullen.

Valle di Vergeletto: Durch die unberührte Tessiner Wildnis wandern

Der zweite Tag bringt uns noch tiefer in die Tessiner Wildnis. Die Wanderung über die Bocchetta di Doia und der Abstieg über die Alpe di Bietri nach Gresso ähneln einer Expedition in den Dschungel. Dunkle Wälder, tiefe Schluchten, verlassene Weiden und unzählige Exemplare Purpurenzian zeichnen die Landschaft . Wir sind unterwegs im Valle di Vergeletto, einem Seitental des abgelegenen Valle Onsernone.

Die Gegend ist so einsam, dass hier ein neuer Nationalpark hätte entstehen sollen, der Parco Nazionale del Locarnese. Doch die Menschen fürchteten die Einschränkungen, die der neue Park mit sich gebracht hätte, und lehnten das Projekt 2018 ab. Im Ristorante della Posta in Russo, wo wir auf der langen Postautofahrt von Gresso nach Locarno eine Pause einlegen, können wir darüber sinnieren. Bei Gnocchi und einem Glas Merlot. Einzigartig ist die Region sowieso, Park hin oder her.

Blick auf Wälder und ein Tal im Sommer
Noch mehr Wildnis: Abstieg ins Valle di Vergeletto, ein Seitental des Valle Onsernone.

Wanderung Lago d'Alzasca: Route, Dauer und praktische Informationen

Wanderroute: Someo–Cascata del Soladino–Rotonda–Corte di Fondo– Capanna Alzasca (Übernachtung)–Lago d’Alzasca–Bocchetta di Doia– Alpe di Bietri–Monte–Gresso. Varianten: Von der Bocchetta di Doia statt nach Gresso nach Vergeletto absteigen. Eine lange Tour führt zudem vom Lago d’Alzasca über die Bocchetta di Cansgei und den Lago di Sascola nach Cevio.

Anforderungen: Die Bergwanderung erfordert Kondition und sicheren Tritt. Die Wanderzeit beträgt am ersten Tag fünf Stunden, am zweiten Tag vier. Der Abstieg nach Vergeletto ist etwas kürzer. Für die Tour nach Cevio muss mit knapp sechs Stunden Wanderzeit gerechnet werden. Der Abstieg zum Lago di Sascola ist steil und anspruchsvoll.

An- und Rückreise: Mit Zug und Bus über Locarno nach Someo. Rückfahrt mit dem Postauto ab Gresso und Vergeletto nach Locarno. Achtung: wenige Kurse.

Einkehr und Übernachtung: Restaurants in Someo, Vergeletto, Gresso und Russo. Übernachtung mit Halbpension in der Capanna Alzasca. Reservation: T 091 753 25 15 oder www.capannaalzasca.ch

Karten: Swisstopo-Wanderkarten 1:50 000, Blätter Valle Antegorio (275T) und Val Verzasca (276T); Swisstopo-Landeskarte 1:25 000, Blätter Bosco Gurin (1291), Maggia (1292), Comologno (1311) und Locarno (1312).

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NATURZYT Ausgabe Juni 2025, Text/Fotos Daniel Fleuti

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