Wenn wir schlafen, wird es draussen lebendig: Fledermäuse, Eulen und Glühwürmchen übernehmen die Bühne. Unzählige Tiere sind auf die Dunkelheit angewiesen, doch künstliches Licht bringt ihre Welt aus dem Gleichgewicht.
Wir Menschen sind an das Leben am Tag angepasst. Wir gehen nach draussen, wenn die Sonne den Weg erhellt, und bleiben zu Hause oder im Licht der Laternen, wenn sie untergeht. Dabei sind wir uns selten bewusst, dass genau diese Dunkelheit eine unglaubliche Vielfalt an Leben beherbergt. In der Dunkelheit schleichen Füchse durchs Quartier, Fledermäuse jagen lautlos durch die Luft , Nachtfalter suchen duftende Blüten.
Nachtaktive Tiere in der Schweiz: Fledermäuse, Eulen, Igel und Nachtfalter
Ob während der Dämmerung, in der der Nacht, im Mondschein oder in dessen Schatten: Wenn der Tag sich dem Ende neigt, beginnt das Leben für tausende Arten. In der Schweiz sind rund 80 Prozent der Säugetiere nachtaktiv. Dazu gehören zum Beispiel Füchse, Dachse, Marder, Fledermäuse, Mäuse, Siebenschläfer oder Igel. Auch etwa 70 Prozent der einheimischen Schmetterlinge, über 2500 Arten, fliegen nachts. Und sie alle erfüllen wichtige Rollen in unseren Ökosystemen.
Fledermäuse sind ganz besondere Vertreter der nächtlichen Tierwelt. In der Schweiz leben 30 Arten, von der winzigen Zwergfledermaus, so schwer wie ein Zuckerwürfel, bis zum zehnmal so schweren Grossen Mausohr. Mit ihrem feinen Gehör und der Echoortung orten sie Insekten im Flug und vertilgen pro Nacht mehrere Tausend davon. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur natürlichen Schädlingsbekämpfung. Auch Eulen sind perfekt an das Leben in der Dunkelheit angepasst. Ihre Augen sind riesig im Vergleich zum Kopf, ihr Gehör unglaublich präzise. Die Schleiereule etwa kann ihre Beute selbst bei völliger Dunkelheit perfekt durch das Gehör orten, sogar unter einer Schneeschicht. Der lautlose Flug der Eulen ist im Tierreich einzigartig. Viele dieser Tiere übernehmen wichtige Aufgaben: Sie bestäuben Pflanzen, fressen Insekten, verbreiten Samen oder sorgen für das natürliche Gleichgewicht im Wald, auf Wiesen und auch im Siedlungsraum. Ohne ihre stille, oft unbemerkte Arbeit würde unser Ökosystem aus dem Takt geraten.
Anpassungen nachtaktiver Tiere: Echoortung, Nachtsicht und Orientierung
Warum leben eigentlich so viele Tiere im Schutz der Dunkelheit? Ein wichtiger Grund ist die geringere Gefahr, von Fressfeinden entdeckt zu werden. Im Umkehrschluss sind viele Beutegreifer nachts unterwegs, weil Beutetiere nur nachts ihre Verstecke verlassen. Wer gut getarnt oder besonders leise ist, bleibt oft unentdeckt. Doch um im Dunkeln zurechtzukommen, braucht es spezielle Fähigkeiten, und genau hier zeigen viele Tierarten wahre Meisterleistungen.
Besonders grosse und empflindliche Augen gehören zur Strategie vieler nachtaktiver Tiere. Eulen, Wildkatzen oder Nachtfalter sehen deutlich besser als wir Menschen im Dunkeln. Auch schwaches Licht, wie von Mond und Sternen, reicht für eine beeindruckend gute Sicht bei Nacht. Andere Tiere, wie Maulwürfe oder Spitzmäuse, verlassen sich stärker auf ihren Geruchssinn oder auf Tastorgane. Wirklich beeindruckend ist die Echoortung der Fledermäuse. Sie senden Ultraschallrufe aus, die für uns nicht hörbar sind, und erkennen an den Echos selbst kleinste Beutetiere oder haardicke Hindernisse im Flug.
Nachtaktive Arten haben auch spannende Strategien zur Kommunikation entwickelt. Manche Fische und Insekten leuchten durch sogenannte Biolumineszenz. In unseren Breitengraden ist zum Beispiel das Glühwürmchen bekannt, das Lichtsignale aussendet, um Partner anzulocken. Einige Falter können sich mit Hilfe von Gerüchen über mehrere Kilometer Entfernung finden. Das Leben in der Nacht ist ein perfekt eingespieltes Zusammenspiel aus Sinnesleistungen, Tarnung und ausgeklügelter Kommunikation.
Lichtverschmutzung: Wie künstliches Licht die Tierwelt beeinflusst
Doch die Nacht ist längst nicht mehr so dunkel, wie sie einmal war. Weltweit leben heute rund 80 Prozent der Menschen unter einem lichtverschmutzten Himmel. In Europa sind es sogar fast 100 Prozent. In der Nähe von Städten und Dörfern ist die Helligkeit oft hunderte Male stärker als bei einer klaren Vollmondnacht. Das Problem wächst: Mit zunehmender Urbanisierung und Technisierung hat Lichtverschmutzung in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen. Strassenlampen, Werbetafeln, Scheinwerfer und Gartenbeleuchtungen leuchten oft weit über das hinaus, was tatsächlich nötig wäre. Viel Licht strahlt nach oben oder zur Seite, statt nur dorthin zu beleuchten, wo es wirklich gebraucht wird. Häufig brennen die Lichter die ganze Nacht durch. Diese Entwicklung betrifft nicht nur den Blick in den Sternenhimmel, sondern verändert ganze Lebensräume. Die natürliche Dunkelheit, einst ein fester Teil des Tagesrhythmus, ist vielerorts verschwunden.
Folgen der Lichtverschmutzung für Insekten, Fledermäuse und Vögel
Für viele Tiere ist künstliches Licht eine ernsthafte Bedrohung, denn sie erkennen die Jahreszeit anhand der Tagesdauer und sind auf die Dunkelheit der Nacht angewiesen. Insekten etwa werden von Strassenlaternen und Leuchtreklamen regelrecht angezogen und umkreisen sie endlos. Statt ihre Energiereserven für die Partnersuche und Fortpflanzung zu verwenden, irren sie herum bis zum Erschöpfungstod.
Die meisten Fledermäuse meiden helle Bereiche, ihre gewohnten Flugrouten werden durch Beleuchtung unterbrochen. Einige Arten sind so sensibel, dass sie sogar in natürlicher Dunkelheit den Schatten des Mondes aufsuchen. Nur einzelne Arten wie die Zwergfledermaus nutzen Lichtquellen, um dort Insekten zu jagen. Zugvögel können in Lichtkuppeln, welche sich besonders bei Nebel über Städten bilden, die Orientierung verlieren und mit Gebäuden kollidieren. Auch Fische reagieren empfindlich auf nächtliche Beleuchtung in Uferzonen. Der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus bringt auch hormonelle Prozesse durcheinander und hat weitreichende Folgen für Fortpflanzung, Nahrungssuche und Überleben.
Lichtverschmutzung vermeiden: So schützt du nachtaktive Tiere
Um die Dunkelheit zu bewahren, kann jede einzelne Person einen wertvollen Beitrag leisten. Vermeiden Sie Dauerbeleuchtung und schaffen Sie dunkle Ecken im Garten. Gut eingestellte Bewegungssensoren sorgen dafür, dass Licht nur dann leuchtet, wenn es wirklich gebraucht wird. Verwenden Sie warmweisses Licht statt grelle, kaltweisse Lichter und richten Sie Lampen gezielt nach unten. So wird nur beleuchtet, was nötig ist, und die Umgebung bleibt dunkel. Viele betroffene Arten leben auf kleinräumigem Gebiet. Daher können bereits einzelne lichtbefreite Gärten, Pärke oder Balkone neuen Lebensraum bieten.
Die Natur bei Nacht erleben: Nachtspaziergänge und Tierbeobachtungen
Die Dunkelheit lädt ein, die Welt neu zu entdecken. Bei einem Nachtspaziergang im Mondlicht treffen Sie überraschend viele Tiere und erleben dabei Geräusche, Düfte und Bewegungen intensiver als sonst. Ein Abend mit Mond- oder Kerzenlicht auf dem Balkon gibt Ihnen besinnliche Eindrücke über verborgene Welten. Mit etwas Übung und den richtigen Einstellungen für Langzeitbelichtung gelingen sogar mit einem gewöhnlichen Handy tolle Nachtaufnahmen. Kamerafallen, Fledermausdetektoren oder einfache Mikrofone können versteckte Nachtaktivitäten sichtbar machen. Wer bewusst atmet, riecht vielleicht die Nachtdüfte von Geissblatt, Jasmin oder Nachtkerze. Wenn Sie Wildtiere sichten, können Sie diese auf der Meldeplattform wildenachbarn.ch melden und damit einen Beitrag zu deren Schutz leisten.
Verein StadtNatur: Wildtiere im Siedlungsraum erforschen und schützen
Der Verein StadtNatur besteht seit 2013 mit dem Ziel, die Natur in Siedlungsräumen sichtbar zu machen, zu schützen und zu fördern. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, wie lebendig es vor ihrer Haustüre zu und her geht. Das möchte der Verein ändern, denn wer die Vielfalt an Wildtieren im Siedlungsraum nicht kennt, kann sie auch nicht schützen. Im Gegenteil: Solche Wissenslücken führen dazu, dass immer mehr Lebensräume von Wildtieren zerstört werden. Mit den Projekten «StadtWildTiere » und «Wilde Nachbarn» werden gemeinsam mit der Bevölkerung Wildtierbeobachtungen gesammelt, um die Wildtiere im Siedlungsraum sichtbar zu machen und deren Verbreitung zu erforschen. Zusätzlich werden in vielen Regionen der Schweiz Exkursionen, Schulprojekte und Forschungsarbeiten durchgeführt, bei denen sich die Bevölkerung aktiv beteiligen kann. Durch eine enge Zusammenarbeit mit Behörden fliessen die Erkenntnisse in die Stadtplanung mit ein, damit Eichhörnchen, Igel, Wildbienen und Co. auch in Zukunft einen Platz in unseren Dörfern und Städten haben.
Mehr zu den Projekten:
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Weitere spannende Themen rund um unsere Wildtiere im Siedlungsraum
Wollbiene und Wiesenhummel - Wildbienen in der Stadt
Feldhase, Wildkaninchen & Co.: Wildtiere im Siedlungsraum der Schweiz
NATURZYT Ausgabe Juni 2025, Text Manuel Oberhänsli, Katja Rauchenstein

